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ATP architekten ingenieure

OMV Office Building, Wien, Österreich

Gestapelte Büroskulptur grüßt Reisende
Foto: Kurt Kuball
Foto: Kurt Kuball
Gebäudekategorie
Büro und Verwaltung
Bauvorhaben
Neubau
Jahr der Fertigstellung
2018
Material Fassade
Metall
Short
ATP architekten ingenieure (Wien) plante einen neuen Bürokomplex der Raffinerie Schwechat mit scheinbar übereinander schwebenden Baukörpern. Der skulpturale Bürobau vor dem Raffineriegelände des Unternehmens in Schwechat fungiert nicht nur als Visitenkarte für das Mineralölunternehmen, sondern steht an markanter Stelle auf dem Weg vom Flughafen Wien-Schwechat zur Innenstadt. Baustart war im Oktober 2016.

Kontext

An einer durchaus prominenten Stelle in Wien entstand – integral geplant durch ATP Wien – ein neues Gebäude für die OMV Raffinerie Schwechat. Der Bauplatz befindet sich zwar nicht in der Innenstadt, ist aber für viele Wien-Besucher einer der ersten Eindrücke der österreichischen Hauptstadt. Der moderne Bürokomplex ist bereits vom Autobahnknotenpunkt Schwechat zu sehen. Bei der Fahrt vom Flughafen Schwechat in die Wiener City wird das neue Gebäude also nicht nur als Visitenkarte der OMV Raffinerie Schwechat, sondern auch als erste architektonische Landmark der Donaumetropole wahrgenommen.
ATP-Projektleiterin Architektin Birgit Reiterer unterstreicht die Wichtigkeit ansprechender Architektur an diesem Standort: „Das neue Office Building der Raffinerie Schwechat begrüßt die Bewohner wie Besucher Wiens auf ihrem Weg vom Flughafen in die Stadt als erstes modernes Gebäude mit hochwertiger Architektur.“

Städtebauliche Relevanz besitzt das Projekt nicht nur als OMV-Signet für Vorbeifahrende. Es markiert den Zugang zum Raffineriegelände des Konzerns. Die Raumkanten des neuen Baus gliedern sich in die umgebenen Bestandsbauten ein. Der Neubau integriert ein vorhandenes Laborgebäude und dient als Nukleus für weitere Verwaltungsbauten auf dem Betriebsgelände. Dass er noch außerhalb der Raffinerie steht, erleichtert den Zugang. Auf den insgesamt 13.000 Quadratmetern Fläche arbeiten 300 Beschäftigte.
 
Expressiver Brückenbau, repräsentativer Vorplatz und ruhige Höfe
Vier „Boxen“ fügen sich zu einem skulpturalen Brückenbau, der teilweise von expressiven Betonstützen getragen wird. Das Erscheinungsbild als Brücken- und Stapelbau ist nicht nur auf formale Entscheidungen zurückzuführen. Die integral planenden Architekten und Ingenieure von ATP reagierten auch auf technische Notwendigkeiten und die Bedingungen auf dem Gelände, denn der schwebende Bauteil überspannt eine bestehende Bunkeranlage. Und die schräg gestellten Betonstützen sind nicht nur aus statischen Gründen notwendig, sie erfüllen auch ästhetische Funktionen und inszenieren den Vorplatz des Eingangsbereichs mit einladender Geste an der Zufahrt zum Werk. Diesen repräsentativen Platz vor dem Gebäude ergänzen ruhige, hochwertig gestaltete Innenhöfe zwischen den Gebäudeteilen. Die Gliederung der Gebäude rund um die Höfe ergeben auch vielfältige Raumsituationen und Blickbeziehungen.

Die Gestaltung der Fassade spielt mit der Idee der Geschwindigkeit und der Interpretation von Mobilität. Tiefe, verschiedenfarbige Fensterlaibungen sorgen für unterschiedliche Eindrücke, die sich je nach Blickwinkel verändern. Von der nahen Autobahn betrachtet kommt dies besonders zur Geltung. Die schmalen, raumhohen Fensteröffnungen gliedern gemeinsam mit hellsilbernen Metallpaneelen die Gebäudehülle.

Der Standort, im Einflussbereich zweier stark befahrener Autobahnen, stellte hinsichtlich des Schallschutzes hohe Herausforderungen dar. Durch den frühzeitigen Einsatz von Simulationsberechnungen konnte, durch integrale Lösungen, eine ausgezeichnete raum- sowie bauakustische Qualität erreicht werden.
 
Funktional und flexibel
Neben der gestalterischen Qualität zeichnet sich das Bürohaus durch eine besondere Funktionalität aus. Hohe Flexibilität in den Bürobereichen charakterisiert das 65 x 75 Meter große Gebäude: Die intelligente Verbindung mit der Tragweite der Baukonstruktion ergeben weitestgehend stützenfreie und deswegen flexibel nutzbare Flächen. Massive Bauteile und statisch notwendige Elemente finden sich hauptsächlich in der Fassade. Ein zentraler Fahrstuhl verbindet sämtliche Funktionsbereiche und Baukörper.

Der Entwurf geht optimal auf die Betriebsprozesse des Unternehmens ein. Jedes der vier Volumina besitzt unterschiedliche Funktionsbereiche. Die öffentlichen und halböffentlichen Nutzungen, die Seminar-, Schulungs- und Konferenzbereiche sowie die Kantine sind zentral rund um das großzügige Foyer angeordnet. Entsprechend der Vorgaben und Funktionsabläufe sind auch die Bereiche Operations, Asset Management, Development und Site Management aneinandergereiht.
 
Teilweise verglaste Trennwände zu den Fluren ermöglichen Blickbeziehungen zwischen den einzelnen Büro- und Erschließungszonen. Die lichte Raumhöhe im Bürobereich beträgt 2,80 Meter, dadurch konnten Großraumbüros bis 500 Quadratmeter geschaffen werden. Doppelböden ermöglichen unkomplizierte Installationen. Der Boden ist ein textiler Belag.

Die aufeinandergestapelten Baukörper mit Untergeschoss, Erdgeschoss und fünf Obergeschossen sind als Skelettbau in Stahlbetonmassivbauweise ohne Dehnfuge errichtet. Die massiven Kerne der vier Stiegenhäuser sorgen für die horizontale Gebäudeaussteifung, die gegen die Lasten von Wind, Schiefstellung oder Erdbeben wirken. Einzelne Stahlbetonscheiben ergänzen diese Kerne, die Flachdecken übernehmen die horizontale Lasteinleitung in die Kerne. Alle vertikalen Einwirkungen aus Eigengewicht, ständiger Auflast und Nutzlast werden primär über die Geschossdecken in Form von Stahlbetonflachdecken abgeleitet. Sekundär geschieht dies über die im Raster angeordneten Stützen, über die Kerne und durchgehenden Tragwände bis auf die Fundamentierung.
Im Bereich des offenen Vorplatzes sind nur die massiven Erschließungskerne sowie die schrägen skulpturalen Stützen bis auf den Boden geführt und entsprechend gegründet. Für die Überbrückung des zweigeschossigen Platzes sorgt eine Abfangdecke aus Stahlbeton. Es erfolgt eine Flachgründung. Wo Tiefengründungen erforderlich sind, sind diese gemäß den Empfehlungen des Bodengutachtens Schneckenortbetonpfähle (SOB-Pfähle) ausgeführt.

Nachhaltigkeit, Energieeffizienz und Integrale Planung
Die ganzheitliche Integration aller relevanter Faktoren stellte ATP durch Integrale Planung mit BIM sicher. Dabei wird ein digitaler Zwilling des zukünftigen Gebäudes mit all seinen Eigenschaften und Verhaltensweisen erstellt und dem Bauherrn nach Errichtung „as built” für den Betrieb übergeben. Bei dieser Planungsmethode werden laufend alle Gebäudedaten in ein 3D-Modell eingepflegt. Änderungen der Planungsparameter und deren Auswirkung werden so sofort sichtbar.
 
Großer Wert wurde nicht nur auf Kontext und Lebenszykluskosten des Gebäudes gelegt, sondern auch auf die Energieeffizienz. Michael Haugeneder von der Forschungsgesellschaft ATP sustain betont: „Im vorliegenden Projekt sind sowohl Gebäude als auch technische Ausstattung ganzheitlich in die örtlichen Gegebenheiten integriert. Mittels räumlicher Überbauung trägt der Entwurf sowohl zu einer ökologisch aufgewerteten Flächennutzung als auch zur Verbesserung der Luftqualität bei. „Energy-Upcycling“, so der Gebäudetechniker, „wird durch die Einbindung der am Standort prozessbedingt anfallenden Abwärme in Form von Dampf in die Energieversorgung des Gebäudes ermöglicht und stellt die Zielsetzung der Maximierung des Anteils erneuerbarer Energie sicher.”

Die Versorgung mit Wärmeenergie ist über das von der Raffinerie Schwechat gespeiste Dampfnetz sichergestellt, auch für die Kühlung kommt die Energie über diesen Weg. Für die Beheizung und Kühlung der Büro-Räumlichkeiten sorgen Heiz- beziehungsweise Kühldecken, im restlichen Gebäude statische Heizflächen und die Lüftung. Für die lufttechnische Ver- und Entsorgung sind Lüftungszentralen samt Rückkühlung und Zuleitungskanälen im Bürokomplex untergebracht.

Zur Wasserversorgung wird der Hauswasseranschluss des bestehenden Laborgebäudes genützt, die Abwässer werden in das vorhandene Kanalnetz der Gemeinde Schwechat geleitet. Aufgrund der Nähe zur Raffinerie waren einige besondere Auflagen aus Sicht des Brandschutzes, wie etwa die Installation einer Trockensteigleitung in einem Bürobau, erforderlich. Die elektrische Energieversorgung erfolgt über das vorhandene Werksnetz.

Eine Herausforderung im Kontext der Technischen Gebäudeausrüstung (TGA) stellten umfangreiche Verlegungsarbeiten von Raffinerieleitungen dar, welche erforderlich sind, um das Bürogebäude realisieren zu können. Die hohen Sicherheitsvorschriften des Bauherrn bedingten ein umfangreiches Gebäudesicherheitskonzept und eine zu jeder Zeit funktionierende Operationsbereitschaft. Aus diesem Grund wurde eine USV-Anlage (unterbrechungsfreie Stromversorgung) geplant.
 
Das Lichtkonzept sah Indirektleuchten in den Fensterachsen des Bürobereichs vor, Stimmungslichter im Kantinenbereich und eine Akzentbeleuchtung durch große schwebende Lichtkreise im Empfangsbereich. Im gesamten Gebäude kommen Leuchten in energiesparender LED-Technik zum Einsatz.
Erreichen kann man den Komplex auch künftig über die bestehende Zufahrt. Auch die existierende Werks- und Tanklastwagenzufahrt wurden nicht verändert.

Auftraggeber: Erste Group Immorent (EGI)
Wettbewerb: Frühjahr 2015
Baubeginn: 10/2016
Fertigstellung: 12/2017
Bruttogeschossfläche: 12.760 m2           
Bruttorauminhalt: 54.104,14 m3