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ATP architekten ingenieure

IWC Manufakturzentrum, Schaffhausen, CH

© ATP/Jantscher
© ATP/Jantscher
Ort
Schaffhausen
Gebäudekategorie
Produktion, Lager
Bauvorhaben
Neubau
Jahr der Fertigstellung
2017
Herzeige-Fabrik für Luxusuhren

Integrale Planung: ATP architekten ingenieure (Zürich)
Baubeginn: 02/2016
Fertigstellung: 11/2017
Eröffnung: 08/2018

Short

Der Entwurf von ATP architekten ingenieure (Zürich) für das IWC Manufakturzentrum in Schaffhausen fügt sich harmonisch in die Landschaft und erinnert an pavillonartige Gebäude der Moderne. Die neue Produktionsstätte führt nicht nur die Fertigung von Werkteilen, Manufakturwerken und Gehäusen an einem Standort zusammen und verbessert so die Produktionsprozesse. Besucher können im Manufakturzentrum auch hautnah erleben, wie die Luxusuhren von IWC entstehen.

„Unter diesem Dach vereinen wir unsere Kernprozesse und jene Fertigungsschritte, die in der Vergangenheit auf verschiedene Standorte verteilt waren“, erklärte Andreas Voll, Chief Operating Officer von IWC, anlässlich der Eröffnung Ende August 2018. Im neuen Bau platziert der Luxusuhrenhersteller eine optimierte Produktionslogistik, welche die gesamte Gehäuse- und Werkteilfertigung sowie die Montage der Manufakturwerke umfasst.


Historie

Seit der Amerikaner Florentine Ariosto Jones die International Watch Company 1868 in Schaffhausen gegründet hat, sind IWC und die Schweizer Stadt untrennbar miteinander verbunden. Der amerikanische Uhrmacher-Pionier setzte auf die Handwerkskunst der Schweizer Uhrmacher genauso wie auf moderne Technologie, und er machte sich auch die Wasserkraft des Rheins zunutze. 1874/75 baute IWC eine Fabrik, die bis heute als Headquarter dient. 2005 und 2008 wurde der Bau in der Schaffhauser Altstadt erweitert. Trotzdem stieß das Unternehmen am Hauptsitz auf Kapazitätsgrenzen und entschied, im acht Kilometer entfernt gelegenen Merishausertal ein neues Manufakturzentrum zu schaffen. Der Neubau ist also bereits die dritte Standorterweiterung in 13 Jahren und steht für das kontinuierliche Wachstum des Traditionsbetriebs genauso wie für 150 Jahre Handwerkstradition.

Mit ATP architekten ingenieure (Zürich) fand IWC den idealen Partner für den Bau dieses neuen Manufakturzentrums, das Besuchern die Welt von IWC präsentiert. Denn ATP ist nicht nur Spezialist für Integrale Planung, bei der Architektur und Ingenieursplanung Hand in Hand gehen, sondern auch top, wenn es darum geht, sich kompromisslos auf die Bedürfnisse der Kunden zu konzentrieren – ein wichtiger Anspruch von IWC.
„Wir wollten ein Gebäude bauen, das den Geist unserer Marke treffend zum Ausdruck bringt”, sprach IWC Schaffhausen CEO Christoph Grainger-Herr, selbst Architekt, anlässlich der Eröffnung.1)
So wie IWC Handwerkskunst und technische Innovationen vereint, um Uhren der Sonderklasse zu fertigen, so lässt sich auch das neue Manufakturzentrum als Kombination von baulicher Handwerkskunst und Innovation lesen.
1) Schaffhauser Nachrichten, 29.8.2018


Konzept

Grundsätzlich orientiert sich der Entwurf von ATP architekten ingenieure an pavillonartigen Gebäuden der Moderne. Ebenso ließen sich die Entwerfer von den eleganten Präzisionsstücken, die IWC fertigt, inspirieren.
„Das Gebäude wirkt so schlicht, so filigran und so zeitgemäß wie eine IWC-Portugieser-Uhr“ betont Jürgen Zipf, Gesamtprojektleiter bei ATP Zürich für den Neubau. Gebaut wurde also kein herkömmliches Produktionsgebäude, sondern eine exquisite Manufaktur.
Die Arbeitsplätze finden sich in großen, lichtdurchfluteten Hallen. Diese geräumigen Produktionsstätten erleichtern die Zusammenarbeit und können für künftige Herausforderungen in der Produktion auch flexibel angepasst werden.
„Das Gebäude entspricht auch in dieser Hinsicht den Vorgaben und Wünschen der IWC. Es könnte täglich anders genutzt werden – und das mit minimalem Aufwand“, so Zipf.

Als maßgeblich für die Gestaltung des Gebäudes erwies sich auch der räumliche Kontext. „Lokale Gegebenheiten wie Wald und Fluss haben unsere Planung beeinflusst. Und mit dem Hang haben wir gespielt,“ erklärt Zipf.
Das neue IWC-Manufakturzentrum steht selbstbewusst an einem leichten Geländesprung am Ende des kleinen Gewerbegebiets im von Wäldern gesäumten Merishausertal. Der zweigeschossige Neubau thront weder überheblich auf der Anhöhe, noch duckt er sich verschämt in den Hang. Vielmehr nimmt er subtil Bezug auf die Topographie des Tals und schmiegt sich als sichtbares architektonisches Zeichen an den Geländesprung. Eine großzügige Dachterrasse vor der Kantine im zweiten Obergeschoss setzt die Aussicht auf das liebliche Tal besonders in Szene.

Raumprogramm

Bis zu 400 Mitarbeitende können zukünftig in den neuen Hallen arbeiten. Diese sind räumlich flexibel. Die Flexibilität basiert auf einem durchgehenden Konstruktionsraster von 13.5 mal 13.5 Metern für die großen Produktionsflächen, die für Möblierung und Maschinenaufstellung zur Verfügung stehen und flexible Raumeinteilung zulassen. Nebenträger im Abstand von 2.25 Metern treffen immer wieder auf das Hauptraster von 1.50 Metern. Die Raumabfolge des 139 Meter langen Baus orientiert sich an den Produktionsprozessen mit den unterschiedlichen Anforderungen der einzelnen Arbeitsschritte – von der offenen Produktion über die Räume für chemische Galvanikprozesse oder Qualitätssicherung bis hin zum Sauberraum. Kaum sichtbar fassen Mediensäulen diverse Anschlüsse und Installationen zusammen – in einer einheitlichen, optisch ansprechenden Lösung. Im Obergeschoss finden sich Kantine und Dachterrasse. Außerdem ist es ein Ort, an dem die Besucher das Know-how sehen können, welches High-Tech mit alter Handwerkskunst vereint. Sie erleben die Manufaktur als Showroom, in dem sie alle Produktionsprozesse mitverfolgen können.

Fassade

Die Entwerfer integrierten das Corporate Design des Luxusuhrenherstellers in die Sprache der Gebäudehülle. Die Präzision, die für die Produktion der Uhren eingesetzt wird, spiegelt sich in der präzisen Fügung der Fassade wider. Dort ist auch ein Teil der Zuluftanlagen wie selbstverständlich angebracht. Fassade und Innenausbau wurden konsequent auf einem Raster von 1.5 mal 1.5 Metern geplant und gebaut. Die Pfosten-Riegel-Fassade verfügt über geschlossene Brüstungen. Weiße Alucobond Platten prägen die Auskragungen, die für den pavillonartigen Charakter verantwortlich sind. Sie wechseln mit schwarzen, geschlossenen Flächen. Außenliegende, raumhohe Stoffstore sorgen für die Verschattung. Sie werden auch über die geschlossenen Brüstungen geführt. Das ausladende, filigrane Vordach kragt über drei Meter frei aus. Nicht-tragende Edelstahlstützen zieren die elegante Konstruktion. Die Fassaden-Verglasung ist dreifach isoliert.


Interior

Die Lust am Luxus spüren Besucher bereits beim Entrée. Eine imposante, breite Betonfreitreppe unter einem neun Meter ausladenden Vordach führt nach oben, inklusive Effektbeleuchtung für die Abendstunden. Die Treppenelemente bestehen aus einem 13 mal 1.20 Meter großen Block, der in einem Guss gefertigt wurde. Die Befestigung für die Glasgeländer wurde unsichtbar integriert. Die grazilen Auskragungen weisen den Weg ins Innere, wo ausgewählte, edle Materialien und Farben eine elegante Eingangshalle fassen. Ein überdimensionales Präzisionsuhrwerk prangt als Kunstwerk hinter dem Empfang. Innen sorgen Glastrennwände für Transparenz. Besucher treffen aber auch auf massive Betonkerne. Eine Design-Holzwand dient der Besucherführung. Abgehängte Metalldecken über den Hauptverkehrsflächen unterstützen dies. Die Farben Schwarz und Weiß dominieren und kontrastieren in den Innenräumen. Hellgraue Böden, schwarz lasierte Betonwände und Holzwände mit einer leicht ins rötlich neigenden Farbigkeit und feiner, dezenter Maserung ergänzen die edle Materialwahl.

Die Beleuchtung wurde, in Form quadratischer LED-Leuchten, ebenso ins Gebäuderaster eingefügt – als Schachbrettmuster über die gesamte Produktionsfläche. Auf den Arbeitsflächen liefern die Leuchten bis zu 900 Lux aus fünf Metern. Ebenso fügt sich die gesamte Lüftung in dieses quadratische Raster.

Exterior

Bei den repräsentativen Außenanlagen im Westen sorgen gepflegte Rasenflächen für freie Sicht auf das elegante Gebäude. Felder aus Reitgras und Lavendel rahmen sie. Kies aus weißem Carrara-Marmor markiert den Übergang von den Freiflächen zum Gebäude. Besondere konstruktive Elemente und ein ausgeklügeltes Lichtkonzept unterstützen den repräsentativen Charakter dieses Bereichs. Die Betonelemente sind Sonderanfertigungen und farblich abgestimmt auf das Foyer.

Die Mitarbeiterparkplätze im Osten befinden sich auf Rasengittersteinen. Asymmetrisch gepflanzte Hainbuchen lockern den Außenraum auf. Im Norden und Süden geht der gepflegte Rasen jeweils fließend in bunt blühende Wiesenflächen über. Die Heckenformationen entlang der Nord- und Südgrenze dienen künftig als Bewegungskorridor für die lokale Fledermauspopulation. Die Pflanzungen resultieren aus Auflagen für die Bewilligung des Neubaus.
Die Nebengebäude bestehen aus Sichtbeton mit schwarzer Lasur. Die Oberflächen in Anthrazit-Schwarz orientieren sich am Neubau.

TGA

Den Wunsch nach präziser Eleganz kann man auch daran ablesen, dass die komplexe Technik am Dach kaum sichtbar ist. Weite Bereiche des Flachdaches nimmt eine Photovoltaikanlage ein, welche einen großen Teil der benötigten Energie bereitstellt. Der hohe Energiebedarf wird weiter über Wärmerückgewinnung aus Luft und Wasser sowie durch die Nutzung des Grundwassers für Kühl- und Heizzwecke gedeckt. Alle wärmedämmenden Maßnahmen orientieren sich am Minergie-Standard. Bei den komplexen Fragestellungen der Energieeffizienz, Nachhaltigkeit und Lebenszyklusorientierung macht sich die Erfahrung eines integral planenden Architekturbüros besonders bezahlt.
Das Grundwasser wird für Kühl- und Heizzwecke genutzt. Das Dachwasser wird zu 100 % in Retentionsflächen abgeleitet, weiter fließt es in den Bach Durach. Das anfallende Umgebungsregenwasser wird nicht in die Kanalisation abgeleitet, sondern über die Schulter versickert. Das Gebäude verfügt über ein intelligentes Abfall- und Recyclingmanagement zur Wiederaufbereitung des Produktionsabfalls.

Digitale Planung

Das IWC Manufakturzentrum wurde bei ATP Zürich mittels eines detaillierten digitalen Gebäudemodells mit BIM (Building Information Modeling) geplant. Diese Methode bildet Bauwerke anhand eines detailgetreuen digitalen Gebäudemodells mit allen relevanten Informationen in einer Datenbank ab. Dieser digitale Zwilling wird über den gesamten Planungsprozess von allen Projektbeteiligten mit Informationen angereichert und unterstützt so eine bessere Planung, Ausführung und spätere Bewirtschaftung des Gebäudes.

ATP architekten ingenieure ist Innovationsführer bei Building Information Modeling (BIM). Seit 2012 plant ATP durchgehend mit BIM. Die Integrale Planung von ATP kann die Vorteile von BIM umfassend ausschöpfen. Der von ATP über mehrere Jahre entwickelte BIM-Standard trug zur Österreichischen BIM-Norm (ÖNORM A 6241) bei. ATP stellt ihn über die Wissensplattform BIMpedia allen Marktteilnehmern zur Verfügung.

Insgesamt haben 25 Ingenieur- und Planungsbüros, über 70 Baufirmen und mehr als 1000 Handwerker ihren Beitrag zum Gelingen des Projekts geleistet. Für die 13.500 Quadratmeter Produktionsfläche wurden 8.400 Kubikmeter Beton mit über 1.000 Tonnen Bewehrungsstahl und 3.300 Quadratmeter Glas verbaut. Bodenplatte, tragende Wände und Treppenhauskerne bestehen aus Sichtbeton, das Haupttragwerk aus Stahl. Die Decken sind Stahlverbunddecken.

Facts & Figures

PROJEKTDATEN
Auftraggeber: IWC Schaffhausen, Branch of Richemont International SA
Ort: Schaffhausen, CH
Integrale Planung: ATP architekten ingenieure (Zürich)
Gesamtprojektleitung: Jürgen Zipf

Baubeginn: 02/2016
Fertigstellung: 11/2017
Eröffnung: 08/2018

Bruttogeschossfläche: 13.500 m2
Bruttorauminhalt: 75.000 m3

Text: ATP architekten ingenieure, Abdruck honorarfrei
Pläne: © ATP architekten ingenieure, Abdruck honorarfrei
Fotos: © ATP/Jantscher und IWC