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HELGA BLOCKSDORF/ARCHITEKTUR

Kulturportal am Stadtschloss Weimar

Gastspiel Birkenhäuschen
Helga Blocksdorf Architektur
Helga Blocksdorf Architektur
Ort
Weimar
Gebäudekategorie
Ausstellung, Installation
Bauvorhaben
Temporaer
Jahr der Fertigstellung
2021
Material Fassade
Holz
Gelesen als ‚Set-Szenario-Situation’ lädt das Baufeld im Ensemble der Coudray-Mauer mit den zwei Torhäusern, dem Roten Schloss, dem gelben Schloss, dem Studienzentrum der Herzogin-Anna-Amalia-Bibliothek und der Neuen Wache zu einem Gastspiel hinter, auf und über der Mauer ein.

Die Coudray´schen Mauer gibt bei genauerer Betrachtung zunächst durch die Abfolge aus fünf und in Richtung neuer Wache vier Korbbögen in den geschlossenen Mauerflächen ein Rätsel auf. Insbesondere da der Ildefonso-Brunnen somit nicht symmetrisch stehen kann. Dieses Rätsel ist Teil der Baugeschichte vor Ort: Ursprünglich waren von Clemens W. Coudray südlich und nördlich fünf Korbbögen angelegt zur repräsentativen Verkleidung der profanen Holzställe auf dem Weg zum Schloss. Der nördliche fünfte Bogen, welcher die Symmetrie der Brunnenanlage herstellte, ist 1911 der Erweiterung der neuen Wache gewichen. Das gesamte Torhaus wurde um eine Bogenachse ‚versetzt’. Hier führt die temporäre Öffnung des südlichen Bogens den Eingang in den Ausstellungsraum ein. Damit wird der Brunnen wieder ins Zentrum der Betrachtung gerückt und ein neuer Dialog zwischen der klassizistischen Mauer und dem Ausstellungspavillon ist erfahrbar. Oben stehen die Besucher mit dem erhöhten Ausblick genau über den Brunnenfiguren. So erweitert das Erlebnisportal das Programm malerischer Staffagen aus dem klassisch-romantischen Landschaftspark bis in den Innenhof der Stiftung und etabliert über den Himmelsraum des Aussichtsbogens einen neuen Blick in den Park an der Ilm.

Die Frage, wie man 2021 experimentell und innovativ ein Schaustück zum Wandel der Zeiten in und um das Weimarer Stadtschloss inszeniert, beantwortet der temporäre Bau aus 16-18cm Brettsperrholz mit einer hellen Hülle aus Birkenrinde. Die forschende Entwicklung der Planung und das handwerkliche Können Thüringischer Baubetriebe zeigen sich in der Herausforderung, die Birkenrinde als historisches Baumaterial, in der Fassade neu erfunden einzusetzen. Die helle Färbung legt eine klar definierte Zeitschicht vor die dunkelgraue Wand des Roten Schlosses. Dabei erzeugt das 2-dimensionale Borkenkleid ein simples und kräftiges Volumen, dessen eigentlicher Leichtigkeit man erst im Inneren auf die Spur kommt. Als Gast an diesem Ort - rückbaubar und wiederaufbaubar - verweist die Bekleidung mit Birkenrinde indirekt auf den Bau des Borkenhäuschens im Ilmpark, welches unter der Regie von Johann Wolfgang von Goethe am 9.7.1778 für die Dauer einer Aufführung errichtet wurde. Dies lädt die Betrachter ein, die Kategorie des Ephemeren im Bauen und die mögliche Wirkdauer mancher Aufführung zu bedenken.

(1)vgl. Jörn Schafaff. Rikrit Tiravanija. Set, Szenario, Situation. Werke 1987-2005, Kunstwissenschaftliche Bibliothek Bd. 52, Köln, 2018

© Helga Blocksdorf /Architektur 31.10.2020,

Team:
Samuel Barckhausen, Arne Maxim Koll, Sofia Melliou
LPH  6-8: Ralf Grubert - GRUBERT VERHÜLSDONK Architekten PartG mbB