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Landesgalerie Niederösterreich

Photo: Faruk Pinjo
Photo: Faruk Pinjo
Ort
Krems
Gebäudekategorie
Museen, Galerien, Kunsthallen
Bauvorhaben
Neubau
Jahr der Fertigstellung
2019
Material Fassade
Metall
Unerschrocken im Geist
Krems – gebündelte Atmosphäre am breiten Strom der Donau, umgeben von sanften Rebhängen, gegliedert durch enge Gassen und wohlgeformte Plätze, genährt vom Klangraum der Minoritenkirche und den Museen der Kunstmeile, klingend durch das musikethnografische Glatt & Verkehrt, die Kakophonie der Touristenstimmen und das avantgardistische Donaufestival, geschmacklich changierend zwischen trockenem Federspiel und saftiger Marille … Zu diesen Eigenheiten entsteht unweit des Schifffahrtszentrums, zwei Kreisel weit entfernt, eine weitere Qualität vor Ort: der Neubau für die Landesgalerie Niederösterreich, ein kaum zu fassender Kraftakt der Baukunst. Wenn neue Möglichkeiten nichts Weiteres sind als die noch nicht geborenen Wirklichkeiten, dann haben Marte Marte sie mit dem Haus für die Landeskunst aufs Kühnste damit erweckt. Es braucht einen unerschrockenen Geist und eine gehörige Portion Mut, um so eine Form als Schlusspunkt der Kunstmeile zu denken oder gar zu planen.

Kimme und Korn
Gegenüber der von Adolf Krischanitz geplanten strengen Kunsthalle im ehemaligen Tabakwerk der Tabakregie und neben dem mimischen Karikaturmuseum von Gustav Peichl mit seinem verspielten Sägezahndach setzt der Solitär von Marte Marte ein unmissverständliches Zeichen für die Kunst und verbündet sich auf geradezu frappierende Weise mit dem Ort. Das Bauwerk, mehr Skulptur als Haus, entzieht sich in der Bewegung rund um das Objekt einer Einschätzung, wandelt seinen Ausdruck, seine Gestalt mit jedem Schritt, will auch nicht maßstäblich sein, sondern ist ganz und gar formgewordene Spannung der Kräfte. Fast ist man geneigt, die neu gedachte Form als einzigartig zu interpretieren: Durch die Torsion um die Achse der Nordwest-Ecke des Gebäudes entstehen lauter hyperparabolische Flächen. Die sich verbindenden Geraden zweier ungleicher Quadrate in Grund- und Dachebene formen spektakulär verzogene Flächen, kaum zu fassen für das menschliche Auge. Das Gebäude – oder besser die Skulptur – macht einen Twist um sich selbst, verjüngt sich nach oben und gibt über einen Einschnitt Richtung Donau den Blick frei auf das Benediktinerkloster Stift Göttweig, das am Ausläufer des Dunkelsteinerwaldes thront. Abgesehen von den vier verglasten Bögen im Erdgeschoss ist es diese Geste, die das Innere des Bauwerks unmittelbar mit dem Genius Loci verknüpft. So kommt einer der wichtigen Identifikationspunkte der Wachau zum Tragen, wird den Besuchern doch das geschichtsträchtige Kloster unmissverständlich in die Kimme gerückt. Denn ansonsten gibt sich das plastische Werk nach außen hin hermetisch. Der Schuppenpanzer aus matten Zink-Rhomben, die gerade Zug um Zug von oben nach unten angebracht werden, verwandelt den auf vier Punkten lagernden Betonriesen in eine Mischung aus Rittertorso und Gürteltier.

Betonierte Vision
Da ist sie wieder, die unumstößliche Wehrhaftigkeit der Marte-Marte-Bauten, die darauf abzuzielen scheint, den Wertekanon Einzelner oder der Gesellschaft mit einer gestischen, geschlossenen Form zu schützen. Was dieses Bauwerk jedoch von anderen Ansätzen des Vorarlberger Büros unterscheidet, ist die ihm zugrunde liegende Dynamik. Ihre Vision der Landesgalerie in Krems entspricht dem holografisch festgehaltenen Augenblick der verwegenen Drehung einer geometrischen Hülle um sich selbst. Was auf der einen Seite als fluchtende Fläche wahrgenommen wird, wird auf der anderen zur überhängenden Steilwand. Je nach Betrachtungswinkel verwinden sich die Flächen – die im Standbild eingefangene Bewegung wird erneut zum Leben erweckt. Aus Möglichkeitssinn wird Wirklichkeitssinn.

Im Bauch des Giganten
Das Innere lässt ebenso staunen. Was sich als vertikale Konstante in Form von zwei betonierten Erschließungstürmen durch die Stockwerke stanzt, ist Bezugsgröße, Orientierungshilfe und Escher’sche Stiegenanlage in einem. Zwei Fluchtstiegenhäuser vermählen sich zu einer Figur, bilden eine aufgedoppelte DNA-Helix und führen und verwirren zugleich. Im Zusammenspiel mit den kraftvollen Dehnungen der Außenwände eröffnet jedes Stockwerk einen anderen Zuschnitt. Es scheint, als ob die Räume von Nordosten nach Südwesten wanderten. Noch ist alles roh, die Innenwände werden gespachtelt, im Erdgeschoß wachsen raumbildende Wände in die Höhe. Viele Parameter sind noch offen, ich bin gespannt, wie die Kunst sich die Räume erobern wird und welche Anmutung das bekommt, was sich jetzt noch groß und unbändig anfühlt, so als würde ich den Bauch eines gigantischen Tieres durchschreiten ...
(Marina Hämmerle für Marte Marte Architekten, 03/2019)

Projektname Landesgalerie Niederösterreich
Projektadresse  Museumsplatz, 3500 Krems an der Donau [AT]
Verfahren  Europaweiter Wettbewerb
Bauherr  Land Niederösterreich [AT]

Grundstücksfläche  4.150 m²
Überbaute Fläche  1.700 m²
Nutzfläche  5.550 m²   
Bruttogeschossfläche  6.850 m²   
Bruttorauminhalt  35.000 m³   
Gebäudehülle  9.200 m²
Gesamtbaukosten netto  32.8 Mio €