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scape Landschaftsarchitekten

Park im Universitätsviertel Essen

Das „Universitätsviertel Essen“ wird auf einer seit fast 30 Jahre brachliegenden Fläche eines ehemaligen Güterbahnhofs in der Essener Innenstadt entwickelt. Durch die Revitalisierung dieses rund 13 Hektar großen Geländes entsteht zurzeit das „Universitätsviertel - grüne mitte Essen“, ein urbanes Quartier zum Wohnen, Leben und Arbeiten, das unter dem Slogan „Leben. Mitten in der Stadt“ vermarktet wird. Die zentrale Parkanlage im Zentrum dieses neuen Quartiers zwischen Innenstadt, Einkaufszentrum Limbecker Platz und Universitätscampus ist der erste sichtbare Baustein dieser Entwicklung und prägt daher entscheidend die neue Identität des Quartiers. Durch eine eigenständige Freiraumgestaltung, die aus der Typologie und Historie des Standorts entwickelte wurde, wird ein markantes Signet dieser neue Identität geschaffen.

Strategie zur Entwicklung des Gestaltungskonzepts
Innovative Konzepte zur Gestaltung von Parkanlagen haben immer auf die vorherrschende Lebenssituation reagiert. In der Geschichte waren diese Parkanlagen meistens idealisierte Gegenwelten zu den realen Lebensumwelten. So erlebten zum Beispiel die Menschen im 18. Jahrhundert eine dramatische Landschaftszerstörung durch die beginnende Industrialisierung und entwickelten Parkanlagen im Stil einer idealisierte arkadische Welt. Im 21. Jahrhundert erleben wir durch die Gentechnik die Grenzauflösung zwischen Natur und Technik; gleichzeitig werden in der Bionik biologische Konstruktionsprinzipien in den Ingenieurstechniken nachgeahmt. Diese Indifferenz zwischen Natur und Technik bildet die Inspiration zur landschaftsarchitektonischen Gestaltung des Universitätsviertels. Ausgehend von der Geschichte des Quartiers als Wohnstandort der kruppschen Gießerei-Arbeiter werden die technischen Rahmenbedingungen der Gusstechnik (Eckradien, Ausbildung von Schrägen und Kreuzungen ohne rechte Winkel, nicht additive Formengebung usw.) zur Entwicklung einer eigenständigen Formensprache genutzt. Diese Formensprache wie auch die Metapher einer integrativen „Parkmaschine“ findet sich in allen Parkelementen vom Grundriss bis zu den Details der Möblierung wieder und schafft so die gewünschte Einzigartigkeit der gesamten Parkanlage.

Raumbildung durch zentrale Promenade
Die städtebauliche Figur gibt eine sehr lange, schmale und radiale Grundfläche innerhalb der unmittelbar angrenzenden Wohn- und Dienstleistungsbaufeldern zur Realisierung der Parkanlage vor. Aufgrund dieser besonderen Grundform, der gewünschten Wasserflächen und vielfältigen Freizeitnutzungen sowie der zu erwartenden hohen Nutzungsfrequenz der innerstädtischen Parkanlage liegt in der Platzierung von Angeboten und Wegebeziehungen eine der zentralen Entwurfsaussagen. Zur Reduzierung der potentiellen Konflikte zwischen Anwohnern und Parknutzern werden entlang der Ränder untergeordnete Wege angeboten, so dass der halböffentliche Charakter hier überwiegt. Die Hauptwegeverbindung sowie die Aufenthalts-, Spiel- und Sportangebote werden entlang einer Promenade in die offene Mitte der Parkanlage gelegt. Dies hat, neben der verringerten Lärmbelästigung der Anwohner, den grundlegenden Vorteil der Möglichkeit einer zentralen, gut einsehbaren öffentlichen Promenade zwischen dem nördlichen Wasser- und dem südlichen Wiesenpark. Zur Steigerung der räumlichen Attraktivität der Promenade wird diese nicht auf einer Achse durchgeführt, sondern mehrmals aus der Achse versetzt. Im Bereich der Versätze werden als Zielpunkte die Promenadenorte platziert. Das Band der Wasserbecken orientiert sich mit einem flachen betretbarem Ufer als attraktives Parkelement ebenfalls zur Promenade und stärkt so die öffentliche Mitte der Anlage. Die zentrale Promenade ist mittels zahlreicher Querwege durch die Wiesen sowie Stege über die Wasserbecken mit den umgebenden Baufeldern verknüpft. Im Schnittpunkt der Promenade mit der fußläufigen Wegeachse Universität-Innenstadt befindet sich eine offene, multifunktionale Veranstaltungsfläche mit großer Freitreppe.

Funktionale Räume und besondere Parkorte
Entsprechend der vorhandenen Grundfläche stellt die Funktionszuweisung der Teilräume einen abnehmenden Lärmpegel vom Berliner zum Viehofer Platz dar. Der Auftakt am Berliner Platz wird durch einen städtischen Platz definiert. Ein lockerer Hain aus Zierobstgehölzen bildet den Übergang in die ca. 3,00 m tiefer liegende Parkanlage. Zwischen diesem Hain und der zentralen Veranstaltungsfläche liegt der intensiv nutzbare Parkabschnitt mit seinen Spiel- und Liegewiesen sowie dem Promenaden-Ort „Parkplay“. Der daran anschließende Parkabschnitt bis zur Talstraße dient mit seinen Wiesen und Wasserflächen sowie dem Promenaden-Ort „Parkgarden“ eher der ruhigen Erholung. Im letzten, sehr schmalen Parkabschnitt bis zum Viehofer Platz werden nur noch Sitzmöglichkeiten angeboten, die im Bereich des Promenaden-Ortes „Parklounge“ auch zum Arbeiten im Schatten der Bäume geeignet sind.

Präziese Materialwahl im baulichen Rahmen
In der Formgebung wie auch in der Materialwahl ist der Park bewusst „technisch“ gestaltet. Der gesamte Grundriss wurde in einem gebogenen Konstruktionsraster entwickelt, so dass alle sichtbaren Kanten und Radien sehr einfach mathematisch definiert sind. Der Eindruck des homogenen Gusselements wurde durch Wegeflächen erreicht, die als homogene Gussasphaltflächen mittels schräger Granitborde aus der Grundfläche herausgehoben sind. Dieses Gestaltungsmerkmal findet sich in den Promenaden-Orten wieder, die wiederum aus den Wegeflächen herausgehoben sind. Die Wasser- und Pflanzenklärbecken sind mit Betonelementen eingefasst und mit Asphalt gedichtet, wobei dies nicht nur gestalterisch begründet ist. Aufgrund des vorhandenen altindustriellen Untergrunds, ist die Versickerung von Regenwasser auf dem gesamten Standort nicht möglich. Die anfallenden Regenwässer der umliegenden Baufelder werden in die zentralen Wasserbecken eingeleitet und zwischengespeichert. Mittels einer zentralen Pumpanlage werden die Wasserbecken kontinuierlich umgewälzt; dabei werden die Wässer sowohl mechanisch in einem unterirdischen Filter als auch biologisch in den Pflanzenfilterbecken geklärt. Der Wasserspiegel der Becken wird in einem Pegelschwankungsbereich von 20 cm konstant gehalten, überschüssige Wässer in einen benachbarten Bach abgeleitet.

Differenzierte Pflanzenbilder erzeugen emotionalen Charakter
Die Raumbildung und der Charakter der Parkanlage wird durch eine differenzierte Pflanzenverwendung bei möglichst geringem Pflegeaufwand herausgearbeitet. Sie steht im klaren Kontrast zu den technischen Einbauten und trägt entscheidend zu dem in der Öffentlichkeit sehr positiv wahrgenommenen grünen Charakter der Parkanlage bei. Zur Erreichung einer größtmöglichen Transparenz und entsprechend gefühlter Sicherheit wurde konsequent auf Strauchpflanzungen verzichtet. Am Berliner Platz bilden vorhandene Platanen die Eingangssituation; der Hain westlich des Berliner Platz wird aus auffällig blühenden Zierkirschen, -äpfeln und -birnen aufgebaut; die äußeren Baumreihen in Ost-West-Richtung bildet der japanische Schnurbaum; die Promenade begleiten einige Baummagnolien; die Orte entlang der Promenade werden durch Solitäre (Blauglockenbaum, Amberbaum, Trompetenbaum) akzentuiert; der Eingang Viehofer Platz ist wieder durch bestehende Platanen geprägt. Rot-Ahorn-Alleen kennzeichnen die Achse Universität-Innenstadt. Die nördlichen Parkbereiche sind durch die bepflanzten Filterbecken mit Sumpfarten wie Schilf und Schwertlilien geprägt; in den südlichen Parkbereichen filtert ein gegliedertes Gras- und Staudenband die angrenzenden Nutzungen. Punktuell begleiten attraktive Prachtstauden- und Frühlingsblüherpflanzungen die zentrale Promenade.

Beleuchtungskonzept für hohes Sicherheitsgefühl
Unter der Annahme, dass die beiden städtebaulich prägnanten Gebäude am Berliner und Viehofer Platz die nächtliche Landmarkenfunktion für den Park übernehmen können, wurde aufgrund der Nähe zur Wohnbebauung ein zurückhaltendes Beleuchtungskonzept unter Sicherheitsaspekten entwickelt. Analog zur Tagessituation soll die zentrale Promenade auch in der Nacht aus Lärmschutz- und Sicherheitsaspekten die Hauptverkehrsfläche bilden. Dementsprechend wird sie hell, die seitlichen Wege etwas dunkler, jedoch immer noch verkehrssicher ausgeleuchtet. Die Promenaden-Orte werden mittels gerichteter Scheinwerfer mit unterschiedlichen Beleuchtungswinkeln inszeniert, so dass die Räume einen bühnenartigen Charakter erhalten, der sie auch Nachts zu attraktiven Orten macht.

Obwohl die Parkanlage noch nicht in allen Bauabschnitten fertiggestellt ist und die Hochbauten erst ab dem Frühjahr 2011 begonnen werden, stellt der Park schon jetzt ein hochwertiges Freiraumangebot in der nördlichen Innenstadt Essens dar, das intensiv von Anwohnern, Studenten und Besuchern genutzt wird.


Freiraumplanung LP 2 – 9; Realisierung: 2007 – 2011; Bauherr: Grün und Gruga Essen sowie Entwicklungsgesellschaft Universitätsviertel Essen; Bausumme: 6,4 Mio. € brutto; Flächengröße Parkanlage: 5,1 ha; Wettbewerb: 1. Preis Juni 2007; Fertigstellung Parkanlage: 1. BA März 2010; 2. und 3. BA Juli 2010; 4. BA voraussichtlich Herbst 2011