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Stefan Forster Architekten

Südstadt Leinefelde

copyright Jean-Luc Valentin
copyright Jean-Luc Valentin
Text von Enrico Santifaller anlässlich der Bewerbung zum "Sir Robert Matthew Prize" der UIA, 2005

Die "künstlerische Physiognomie einer Menschenballung"
Das Werk des Frankfurter Architekten Stefan Forster

Fritz Schumacher schreibt in seinem 1938 erschienenen Band "Der Geist der Baukunst", dass der Wohnungsbau das "unschein- barste[n] Gebiet" des architektonischen Schaffens sei. Dessen ungeachtet müsse, so Schumacher, unter dessen Ägide als Stadtbaurat von Hamburg 65.000 Wohnungen vorzugsweise für kleine Einkommen entstanden, dem Architekten gelingen, "in die Form der Lösung einen Hauch von Freudigkeit zu bringen". Diesen Ansatz ist der Frankfurter Architekt Stefan Forster verpflichtet. Die Mehrzahl seiner Bauwerke sind dieser so unspektakulärem Aufgabe gewidmet. Dass sie dennoch mit Vielzahl von Preisen ausgezeichnet wurden, beweist, dass die von Schumacher geforderte "liebevolle Gestaltung jeder baulichen Einheit" Forster und seinem Team gelungen ist.


Herausragendes und zugleich auch für andere Länder Vorbildhaftes ist dem Architekten in der 15000-Einwohner-Stadt Leinefelde gelungen, die im vergangenen Jahr - nicht zuletzt wegen der zahlreichen Bauten Forsters – mit dem europäischen Städtebau- preis ausgezeichnet wurde. Leinefelde, im Nordwesten Thüringens am Südausläufer des Harzes gelegen, war eine DDR-typische Neugründung rund um einen industriellen Kern, wobei 90 Prozent der Einwohner in industriell gefertigten Großsiedlungen wohnten. Nach dem Mauerfall und dem Beitritt der fünf östlichen Bundesländer zum Staatsgebiet der Bundesrepublik Deutschland verlor wie in so vielen anderen Städten Ostdeutschlands auch Leinefeldes Industrie rasch an Bedeutung. Arbeitslosigkeit, Abwanderung und ein dramatischer Wohnungsland folgten. Was Leinefelde hervorhebt, ist, dass diese Schrumpfung akzeptiert und als Chance begriffen wurde, mit Hilfe von kompetenten Planern die strukturellen Defizite in den Wohnungen und im Wohnumfeld zu beheben.


Die bislang fünf fertig gestellten Umbauprojekte von Stefan Forster verfolgen die Absicht, ehemals ortlose Großsiedlungen in identifizierbare Orte zu verwandeln und das uniforme Wohnen der vor 1989 propagierten "einheitlichen sozialistischen Lebensweise" in ein diversifiziertes Wohnungsangebot zu überführen. Wohnqualitäten wurden verbessert, individuelle Bedürfnisse berücksichtigt und die vorher nicht definierten Stadträume in eindeutige Zonen transformiert. Forster reduzierte fünf- bis sechsgeschossige Blöcke, die kaum zu vermieten waren, um eineinhalb bzw. zwei Etagen. Beim Projekt Stadtvillen dagegen entfernte er bei einer vormals 200 Meter langen Plattenbauzeile jedes zweite Treppenhaus und die dazugehörigen Wohnungen. Mit solchen Entscheidungen schuf Forster überschaubare Nachbarschaften, denen er eindeutige definierte Räume – Privatraum, hausgemeinschaftlicher Raum und öffentlicher Raum – zuordnete. Vor allem die Erdgeschosse veränderte der Architekt erheblich: Die Wohnungen erhielten Gärten und direkte Zugänge in den Außenraum, die Hauseingänge eine andere Position und eine Klinkerverblendung. Durch die so hergestellte klassische Zonierung in Sockel, Schaft und Kapitell verloren die Blöcke ihre einstige Maßstabslosigkeit.


Die veränderte Ästhetik der Gebäude, die nun mit kräftigen Farben leuchten und mit tiefen, versetzten Balkonen eine scheinbar spielerische Anmutung bekommen, entspricht einer Veränderung im Inneren. Vormalig ebenso beklemmend enge wie dunkle Wohnungen wurden mit vollflächig verglasten Wintergärten real größer. Fensterformate wurden vergrößert, Flure verbreitert, Wände verschoben, Schächte verkürzt und damit individuelle Grundrisse geschaffen. Einstmals innenliegende Küchen und Bäder werden jetzt mit Oberlichtern oder Fenstern natürlich belichtet. Insgesamt wurden die Wohnungen freundlicher, heller und großzügiger. In den Erdgeschossen konnten überdies Maisonette- und behinderten- gerechte Wohnungen realisiert werden. Beim jüngsten Projekt entstanden geräumige Dachgärten, die Assoziationen an Penthouse-Wohnungen wecken.


Forster findet seine Vorbilder in den großen Wohnungsbauern der 20er Jahre, er transformiert die Wohnmodelle von Schumacher, aber auch von Bruno Taut und Ernst May auf die zeitgenössischen Bedürfnisse. In Leinefelde entwickelte er ein Gartenstadtkonzept, in dem die einzelnen Gebäude ästhetische Unikate darstellen und die Ansprüche von Individualisierung und Diversifizierung erfüllen. Wobei die umgebauten Blöcke trotz alle Originalität eindringliche städtebauliche Figuren – intime Innenhöfe oder eine Stadtmauer - bilden. Der Erfolg gibt ihm recht: Die umgebauten Plattenbau- Blöcke sind heute zu 100 Prozent vermietet. Bei seinen Wohnprojekten In Frankfurt dagegen setzt Forster auf Blockrand- bebauung, die er differenziert den Konfigurationen des Ortes anpasst. Die Kunst des Wohnungsbaues sei, schrieb Fritz Schumacher, die "Einzelorganismen zu einem Gesamtorganismus" zu fassen. Beide gemeinsam, die Gestaltung der einzelnen Einheit wie der städtebauliche Zusammenhang, bilden nach Schumacher.

Das geschieht sowohl durch die "liebevolle Gestaltung jeder baulichen Einheit", als auch durch die Kunst, die Einzelorganismen zu einem Gesamtorganismus, in einen städtebaulichen Zusammenhang zu fassen. Beide zusammen bilden nach Schumacher die entscheidenden Merkmale in „der künstlerischen Physiognomie einer Menschenballung“.

Der Wohnungsbau, das zentrale Erbe der klassischen Moderne, hat in Stefan Forster einen wichtigen zeitgenössischen Vertreter gefunden.