Zurück zum Profil
blocher partners

Niedersächsischer Landtag

Foto: Joachim Grothus
Foto: Joachim Grothus
Ort
Hannover
Gebäudekategorie
Behörden, Regierungsgebäude
Bauvorhaben
Umbau
Jahr der Fertigstellung
2017
Material Fassade
Werkstein
Die international tätigen Architekten von blocher partners gestalten das
niedersächsische Parlament. Das Hohe Haus zeigt sich transparent und offen
für Debatten und Bürger.


Ausgangssituation
Der Niedersächsische Landtag hat seinen Sitz seit 1962 inmitten der Stadt, im Leineschloss. Die klassizistische Schlossanlage hatte den Königen von Hannover bis 1866 als Residenz gedient. Nach seiner weitest gehenden Zerstörung im Zweiten Weltkrieg verwandelte der Architekt Dieter Oesterlen die Schlossruine in der Zeit von 1957 bis 1962 in ein Parlament. Er fügte an der östlichen Seite einen Plenarsaal hinzu, dessen Fassade er kontrapunktisch zum klassizistischen Schloss entwickelte. Mit seinem mutigen Neubau schob er das historische Ensemble in die Moderne. Seine Leistung bestand darin, das alte Leineschloss selbstbewusst weiterzubauen und gleichzeitig ein neues Ganzes zu erschaffen. Den damaligen Gepflogenheiten folgend, plante der Architekt den Landtag als introvertierten Raum im Raum. Der sechsseitige Saalkörper thronte in einem rechtwinkligen Gehäuse, ein Wandelgang für Parlamentarier vermittelte zwischen den Gebäudeteilen. Doch der Landtag blieb für sich, ohne Bezug zur Umgebung, zur Stadt, zu seinen Bürgern. Das war nicht mehr zeitgemäß. Der Bau wurden den aktuellen Nutzungsanforderungen nicht gerecht und entsprach auch nicht mehr dem heutigen Verständnis von Demokratie.

Zielsetzung
Genau hier setzen die Maßnahmen an: Der neue Landtag soll die Aspekte des heutigen Demokratieverständnisses widerspiegeln und dem gesellschaftlichem Wandel Rechnung tragen. Grundlegende Gedanken mussten berücksichtigt werden, wie Demokratie heute funktioniert. Ein Stück weit soll – im Zeitalter sozialer Netzwerke – die Debattenkultur in die Gesellschaft getragen und im Bauwerk sichtbar werden. Die Architekten entwickelten Transparenz als Leitgedanken für den Umbau. Zentrales Anliegen war außerdem, Bezüge zum städtebaulichen Raum herzustellen und den Bau inmitten der Stadt, als Wahrzeichen der Demokratie zu verankern. Es galt, dem starken Symbolcharakter eines Landtagsgebäudes gerecht zu werden und eine würdige Raumhülle für die politischen Debatten zu entwerfen. Die Anzahl der Abgeordneten sowie der Bedarf an Raumangebot für Maßnahmen der politischen Bildung war gestiegen. Multifunktionale Bereiche für Vorträge, Ausstellungen, etc. wurden geschaffen, Besuchertribüne und Aufenthaltsbereiche ausgebaut. Alle Maßnahmen erfolgten im Sinne eines modernen Denkmalschutzgedankens: dem historischen Erbe Respekt zu zollen und gleichzeitig die notwendigen Veränderungen für eine zeitgemäße Nutzung zu gestalten.


Zeitgemäßes Konzept
Hinter der renovierten, denkmalgeschützten Fassade entstand ein veritabler Neubau, der die Demokratie sichtbar werden lässt. Der zuvor klaustrophobisch abgeschlossene Plenarsaal öffnet sich an seiner Stirnseite nun durch raumhohe Glasfassaden zur Stadt mit Blick auf den Platz der Göttinger Sieben. Offenheit und Transparenz prägen den von Grund auf neu gestalteten Plenarsaal, großzügige Presse- und Besuchertribünen flankieren den Saal und bieten Besuchern Einblicke in das politische Geschehen. Zusätzlicher Raum konnte durch die Überdachung des ehemaligen Innenhofes gewonnen werden: Die neue lichte Portikushalle bietet als Bürgerforum einen multifunktionalen Bereich für Veranstaltungen und Ausstellungen. Sie grenzt unmittelbar mit einer Glasfassade an den Plenarsaal an und überzeugt mit einer hellen, freundlichen Atmosphäre. Ins rechte Licht gerückt wird die repräsentative Niedersachsentreppe, die zum Besucherbereich und Verwaltungstrakt führt. Eine Anbindung an den öffentlichen Raum garantiert das Aufbrechen des Sockelgeschosses: Das Landtagsrestaurant bietet Zugang zum Platz der Göttinger Sieben, inklusive Außenbewirtschaftung. Die Umsetzung aller Maßnahmen erfolgte unter Berücksichtigung der Richtlinien für Barrierefreiheit.

Sinnbild der Demokratie
Die Architekten von blocher partners verwandelten das von Dieter Oesterlen in der Nachkriegszeit entworfene Baudenkmal in ein modernes Parlamentsgebäude. Nach langen Diskussionen über Abbruch und Neubau entwickelten blocher partners ein zeitgemäßes Konzept: Der Landtag wurde entkernt und neu errichtet. Eine zentrale Portikushalle entstand, von der aus Besucher durch gläserne Wände und über die Pressetribüne hinweg die Arbeit des Parlaments live verfolgen. Das Haus wurde geöffnet, Bezug zum Außenraum hergestellt. Der neue Landtag steht somit für Transparenz, Offenheit und Teilhabe und ist als Wahrzeichen der Demokratie inmitten der Stadt verankert. Alle Arbeiten erfüllen die Vorgaben des Denkmalschutzes. Die alte Fassade aus verwitterten Granitplatten hat ihren angestammten Platz gefunden ebenso wie die drei Bronzeskulpturen an der Ostfassade von Jürgen Weber. Der Charakter des Hauses wurde bewahrt, das Alte respektvoll in eine neue Zeit gebracht. Gleichzeitig haben die Architekten die Chancen der Veränderung ergriffen: blocher partners schufen einen beispielhaften Raum für das öffentliche Leben, der die Demokratie beheimatet und für die Zukunft stärkt.