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kister scheithauer gross

Das Clouth-Quartier

Foto: Yohan Zerdoun
Foto: Yohan Zerdoun
Ort
Köln
Bauvorhaben
Neubau
Jahr der Fertigstellung
2017
Material Fassade
Werkstein
Clouth 3  … ein kleiner „schwarze Rohdiamant“ auf dem Areal der ehemaligen Gummiwarenfabrik im Kölner Norden

Die Nachfrage nach innerstädtischen Wohnungen ist in Köln groß, das Angebot knapp. Eine bewährte Strategie ist die Umnutzung innerstädtischer Brachflächen. Nach beinahe 150 Jahren industrieller Nutzung entstehen zurzeit auf dem ehemaligen Werksgelände der Rheinischen Gummiwarenfabrik Franz Clouth rund 1200 Wohnungen und Raum für etwa 500 Arbeitsplätze. Das Gelände liegt mitten in Nippes, einem gewachsenen und lebendigen Stadtteil direkt an der Grenze zu Innenstadt und schließt zudem an den Johannes-Gisberts-Park an.

Fast 140 Jahre schrieb die von Franz Clouth gegründete Rheinische Gummiwarenfabrik Kölner Industriegeschichte, bevor die Produktion 2005 stillgelegt wurde. Und plötzlich war es ruhig auf dem Firmengelände, das wie eine Stadt in der Stadt mitten in Nippes über Jahrzehnte ein Eigenleben geführt hatte. Nun entwickelt die moderne stadt, die zu etwa gleichen Hälften der Stadt Köln und den Stadtwerken gehört, das 14,5 Hektar große ehemalige Industriegelände, um daraus ein neues, wertvolles Stück Stadt zu machen: das Clouth-Quartier. Bis Ende 2018 entsteht hier Wohnen – sei es in Neubauten oder aber auch in außergewöhnlichen Industriedenkmälern: Frei finanziert, öffentlich gefördert oder von Baugruppen geplant. „Ateliers, Räume für kreative Berufe, Gastronomie und attraktive Freiflächen lassen hier ein lebendiges Quartier entstehen, das sich auf ganz selbstverständliche Weise mit seiner Nachbarschaft vernetzt“, so Holger Thor der Entwicklungsgesellschaft moderne stadt. „Clouth war nicht als eine Insel gedacht, sondern mit dem deutlichen Wunsch einer Vernetzung mit seinem Umfeld geplant.“ Das neue Quartier nutzt die vielfältige Nahversorgungsstruktur an der Neusser Straße, die von einer wachsenden Zahl traditioneller, lokaler und junger Läden, Manufakturen und Cafés in den Seitenstraßen auf charmante Weise ergänzt wird.

Der Bebauungsplan …
… sieht vor, dass die Achsen der vorhandenen Werksstraßen für die neuen Erschließungswege übernommen werden. Entschieden ist auch, dass die vorhandenen denkmalgeschützten Hallen erhalten bleiben. Auf den mittig liegenden Baufeldern ist eine geschlossene Bebauung vorgesehen, während im östlichen Bereich des Areals eine offene, durchlässige Neubebauung den städtischen Blockrand zum Park hin auflösen soll. Ein wichtiger Puzzlestein im Osten des Quartiers ist das viergeschossige Neubauprojekt Clouth 3. Die 28 Eigentumswohnungen von 62 m² mit bis zu 136 m² waren schnell verkauft und wurden im Sommer 2017 bereits an Ihre Besitzer übergeben. Der Entwurf stammt vom Kölner Architekturbüro kister scheithauer gross architekten und stadtplaner (ksg).

Das Gebäude Clouth 3
„Wir wollten bei Clouth 3 etwas Außergewöhnliches machen, ein kleines Architektur-Spektakel“, so Holger Thor, Projektleiter bei der Entwicklungsgesellschaft moderne stadt. Bei einem Spaziergang durch das neue Quartier wird schnell sichtbar, dass der Neubau diesen Ansprüchen gerecht wird. Der anthrazitfarbene, fast schwarze Klinker in Kombination mit den leuchtend roten Balkonen sticht aus den sonst eher hell gestalteten Fassaden der umliegenden Bebauung heraus.

Grundsätzlich greift der Entwurf von ksg für das Baufeld WA 15 die vom Bauherrn vorgeschlagene Typologie auf und verstärkt diese sowohl architektonisch als auch in Verbindung mit der Gestaltung der Außenanlagen. Skulpturale Baukörper mit hoher Oberflächenqualität stehen als Ecksteine in einem Baumteppich. Vertikale Fenster werden in das Ziegelvolumen eingeschnitten und unterstreichen so die Idee des Skulpturalen. Farbige Akzente geben dem Gebiet ein neues Gesicht, gemeinschaftlich genutzte Flächen verstärken den urbanen Charakter. Der L-förmige Baukörper zeigt an seiner auf die Josefine-Clouth-Straße ausgerichteten Längsseite ein städtisches Gesicht. Drei eingeschnittene Eingänge gliedern die glatte Straßenfront. Bodentiefe Fenster perforieren die Fassade aus ungewöhnlichen anthrazitfarbenen Klinkern. Doch Strenge und Ordnung konterkariert ein sicherer Umgang mit gestalterischen Details, seien es im Großen die skulpturalen Ausschnitte der leuchtend rot ausgemalten Loggien oder im Kleinen die eine gerundet ausgebildete Ecke der Eingänge oder die handwerklich hochwertig ausgeführten Eichenholzeingangstüren. Nach Westen zeigt Clouth 3 eine aufgelockerte Spielart der städtischen Lochfassade. Wesentlich stärker ist hier die Modulation durch eingeschnittene Loggien, deren Ton-in-Ton Rot gestrichenen Balkonelemente wie Schubladen aus der Fassade ragen. „Es ist ein bisschen so, wenn ich eine Frucht aushöhlen möchte oder Schubladen aus einem Schrank herausziehe …“, beschreibt Entwurfsverfasser Johannes Kister die Fassadenidee etwas überspitzt. „Es ist ein bisschen mehr als die klassische städtische Lochfassade, mit mehr Spektakel – so wie es sich der Bauherr gewünscht hat …“

Die beiden Flanken des Baukörpers umschließen ein von greenbox Landschaftsarchitekten gestaltetes Außengelände. Die räumliche Differenzierung in private, den Erdgeschosswohnungen zugehörige Gärten und einen baumbestandenen, halböffentlichen Bereich mit Spielgeräten und Sitzmöglichkeiten, erfolgt mit halbhohen immergrünen Hecken, die Privates markieren, aber nachbarschaftliches Miteinander durchaus nahelegen. "Hier in Clouth entsteht eine Balance von Qualität und Nutzung", so Entwurfsverfasser Johannes Kister; eine „lebensnahe Nutzung“, die den verschiedensten Lebenssituationen gerecht werde. Dies sei natürlich im Außenbereich bis hin zu den Grundrissen ablesbar.

Der Fassadenklinker
„Beim Klinker wollten wir etwas ganze Besonderes, am liebsten in anthrazit oder schwarz … nicht zu glatt oder langweilig“, erinnert sich Johannes Kister. Nach einigen Bemusterungsrunden von unterschiedlichen Oberflächen, technischen Hürden und verschiedenen Farben wurde das Produkt Nashville vom Klinkerwerk Muhr durch das Backsteinkontor vorgestellt. Den gewünschten Effekt erreichten die Hersteller durch die Verwendung einer zusätzlichen Spezialfarbe (helleres grau). Diese Farbe entstand durch eine besondere Veredelung beziehungsweise Brennvorgang. Florian Schöter von Backsteinkontor erläutert: „Das Ganze wird ‚dämpfen‘ genannt und erklärt sich wie folgt: Unter Sauerstoffentzug erhitzen wir in einem zweiten Brand creme oder hellgelbes Grundmaterial; durch die im Ofen entstehende chemische Reaktion entsteht ein sehr attraktives kühles grau. In Kombination mit dem bereits favorisierten Riemchen wurde die objektbezogene Sorte „Nashville spezial“, bestehend aus anthraziten, hellgrauen Vorder- und Rückseiten kreiert.“

„Eine weitere Besonderheit an den Ziegeln ist, dass wir die Fußsortierung mit hineingemischt haben“, erläutert ksg-Projektleiterin Isabel Grunwald. Da die Ziegel nach dem Pressvorgang mithilfe von Bändern transportiert und dann auf Latten stehend getrocknet werden, weist die Rückseite charakteristische Spuren und Abdrücke auf. Diese sehr haptische Optik bleibt bei einer Fußsortierung nach dem Brand bestehen. „So erhalten wir durch zwei unterschiedliche Farben und zudem die jeweiligen Vorder- und Rückseiten der Steine vier unterschiedliche Oberflächen. Das gibt dem Ganzen eine gewisse changierende Ruppigkeit …“

An vielen weiteren Stellen wird sichtbar, wieviel Wert Bauherr und Architekt auf die Details gelegt haben; wie zum Beispiel bei den - der Klinkerfarbe entsprechenden - anthrazitfarbenen, berauchten Dehnfugen. Auch entschied man sich beim Sonnenschutz oder der Ausstattung in den Treppenhäusern für hochwertige, langlebige Materialien und Produkte. Dazu gehören feine grau-silberne Alulamellen (RAL 9007), ein schwarz-weißer Betonwerkstein an Boden, Treppen und Fahrstuhlwänden in den Treppenhäusern sowie massive Eichenhandläufe. „Die moderne stadt als Bauherr war für uns ein absoluter Glücksgriff; denn hier stießen wir mit unseren gestalterischen Ansprüchen auf offene Ohren und zogen immer am selben Strang“, hebt Johannes Kister hervor. So konnten sowohl die Architekten als auch das Interior Design Team von ksg das Gebäude von der großen Geste bis ins kleinste Detail stimmig planen und bauen.  Entstanden ist ein kleiner „schwarzer Rohdiamant“ auf dem Areal der ehemaligen Gummiwarenfabrik Clouth.

Bauherr: moderne stadt - Gesellschaft zur Förderung des Städtebaus und der Gemeindeentwicklung mbH
Architekten: kister scheithauer gross architekten und stadtplaner GmbH, Leipzig/Köln; verantwortlicher Partner: Johannes Kister
Entwurfs-/Projektteam: Isabel Grunwald, Sabine Süss, Heike Autermann
LPH: 1-5 und künstl. Oberleitung
Generalunternehmer: nesseler bau gmbh, Aachen
Außenanlagen: greenbox Landschaftsarchitekten, Köln
Tragwerk: bau|werk Ingenieurbüro für Bauwesen und Tragwerksplanung, Köln
Haustechnik Elektro: Calorelektrik Ingenieurbüro für Elektrotechnik GmbH, Köln
Haustechnik HLS: Dipl.-Ing. G. Schönfeld Ingenieurgesellschaft mbH, Köln
Fassade: Backstein-Kontor, Köln
BGF: 5.370 m²
Planung: 05/2014 – 09/2015
Baubeginn: 11/2015
Fertigstellung: Sommer 2017