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Wolfgang Ott - Architekt

Hardtbergturm

Neuer Aussichtsturm im Taunus
Timon Ott
Timon Ott
Ort
Königstein im Taunus
Gebäudekategorie
Sport und Freizeit
Bauvorhaben
Neubau
Jahr der Fertigstellung
2022
Material Fassade
Metall
Das Erlebnis Hardtbergturm bedeutet dem Alltag zu entschweben, abzuschalten und in 26,60 m Höhe den Blick über die Baumwipfel, die Hänge des Taunus, die Landschaft und die Region schweifen zu lassen. Von hier kann man die Burgen von Königstein, Falkenstein und Kronberg, die Hänge des Taunus mit Feldberg und Altkönig sowie die Mainebene mit seinem Zentrum Frankfurt und dem Flughafen aus einem neuen Blickwinkel erleben und seinen Blick bis in den Schwarzwald schweifen lassen.
Der Hardtbergturm steht in einem Waldstück in Mammolshain auf dem 409 m hohen Hardtbergs. Er folgt einer elliptischen Grundform und ist als reine Stahlkonstruktion mit einem Gesamtgewicht von rund 80 Tonnen konzipiert. Er ist im Grundriss 8,95 m lang, 5,95 m breit und verfügt in der Spitze über eine Höhe von 32,30 m. Er ruht auf einem ebenfalls elliptischen Sockel mit einem Sitzpodest aus Sichtbeton, das zum Verweilen einlädt.

Ausgesteift wird der Turm durch das formgebende Tragwerk mit seinen charakteristischen, diagonal verlaufenden und sich kreuzenden Rundstützen, die ein räumliches Fachwerk bilden und die Kräfte in die Stahlbeton-Fundamentplatte einleiten und den als Scheiben ausgebildeten Ebenen.
Gegliedert wird der Aussichtsturm durch vier Erkundungsebenen und eine Aussichtsplattform. So wird neben dem Blick in die Ferne, der Einblick in Flora und Fauna ermöglicht. Sie werden über fünf innenliegende, zweiläufige, eingehängte Treppen mit jeweils halbrundem Podest erschlossen, deren Laufrichtung in jeder Ebene wechselt. Dadurch müssen alle Ebenen begangen werden und sind somit einzelne selbstständige Stationen auf dem Weg nach oben.
Tragende Stahlblechwangen an den Treppenläufen, -podesten in Kombination mit Stahlblechgeländern in den Ebenen leiten und schützen den Weg zur Krone, der von einem durchgehenden Edelstahlhandlauf begleitet wird. Die Treppen in Kombination mit den massiven Ebenengeländern sind weithin sichtbares Zeichen des Weges nach oben und weisen von fern auf die Funktion als Aussichtsturm hin.
Durch seinen ovalen Grundriss, die Erkundungsebenen, den wechselnden zweiläufigen Treppen und der markanten außenliegenden Tragkonstruktion wird der Turm zu einem eigenen Erlebnisraum.
Einen maßgeblichen Einfluss auf das Erscheinungsbild des Ausichtsturmes hat - neben der offenen Gestaltung - die einheitlich seidengraue Lackierung, die je nach Wetterlage mit aufsteigender Höhe mit dem Himmel verschmilzt oder sich kontrastierend von ihm abhebt.

Die Konzeptfindung

Das Suchen nach dem Konzept für den Hardtbergturm war ein ständiger Dialog mit der Umgebung, der Konstruktion, dem Weg nach oben und der Erscheinung mit wechselnden Interpretationen.
Suchende Skizzen mit flüchtigen Linien visualisierten die ersten Gedanken und Überlegungen zu unterschiedlichsten Ansätzen. Im Prozess des Hinterfragens und Verdichtens entwickelte sich das zentrale Leitbild, dass in seiner Konsequenz bis ins letzte Detail verfeinert wurde.
Wir waren erst zufrieden, als die Klarheit des architektonischen Konzeptes an einer einzigen Skizze ablesbar war.

Die Erkundungsebenen

So spektakulär der Weitblick von der obersten Plattform in 26,60 Meter Höhe sein mag, so ist der Weg zur Krone über insgesamt 140 Stufen ebenfalls wesentlicher Teil des Erlebnisses. Dieser führt über vier Erkundungsebenen auf die oberste Plattform und ermöglicht in Abschnitten von jeweils 5,32 m Höhe unterschiedliche Einblicke in die Vegetation und schafft zugleich Begegnungs- und Aufenthaltsflächen. Lehr- und Lerntafeln informieren in diesen Zwischenzielen über die Flora, das Leben im Wald und die Umgebung.

Das Innere Auge

Die Ebenen im Inneren des Turms werden durch zweiläufige Treppen mit halbrunden Zwischenpodesten verbunden. In jeder Ebene wechselt die Laufrichtung der Treppen. Der Weg des Aufstiegs führt somit über die Erkundungsebenen und begünstigt das Verweilen sowie die Entschleunigung beim Erklimmen der Höhe.
Tragende Stahlblechwangen an den Treppenläufen und -podesten in Kombination mit Stahlblechgeländern leiten und schützen zugleich den Weg zur Krone, der von einem durchgehenden Edelstahlhandlauf begleitet wird. Die gegeneinander versetzten Treppen ermöglichen über mehrere Ebenen abwechslungsreiche, spannende Blicke in die Konstruktion des Turmes und bilden hierdurch einen eigenen Erlebnisraum: das Innere Auge.

Alle begehbaren Flächen sowie die Treppenstufen sind mit rutschhemmenden Gitterrosten mit einer einheitlichen Maschenweite belegt.
Das äußere Geländer besteht aus einem breiten Handlauf der von V-Stützen getragen wird und der elliptischen Grundform folgt. Ein feinmaschiges Edelstahlnetz ermöglicht den ungehinderten Durchblick in die Natur.

Das formgebende Tragwerk

Das Innenleben des Turmes wird von einer äußeren Hülle, dem formgebenden Tragwerk geschützt. Über Distanzstücke sind die Ebenen mit dem rautenförmigen Tragwerk mit seinen charakteristischen, diagonal verlaufenden und sich kreuzenden Rundstützen verbunden. Das Tragwerk schafft zugleich einen schützenden visuellen Filter zwischen Innen und Außen.
Die Stützen überragen die oberste Plattform und formen eine illuminierte Krone, die dem Turm eine weithin sichtbare Fernwirkung und großen Wiedererkennungswert verleiht.
Der Zugang zur Treppe im Innern des Turmes wird in der Sockelebene durch den Entfall zweier Stützen definiert und lädt den Besucher zum Besteigen ein.

Das Tragwerkskonzept

Das Tragwerk macht sich die elliptische Grundform zunutze. Die diagonal verlaufenden, sich kreuzenden, geraden Stahlrohre bilden ein räumliches Fachwerk und steifen die Turmkonstruktion in Verbindung mit den Ebenen aus. An den Kreuzungspunkten werden die Randträger der Ebenen jeweils über Konsolen verbunden.
Die elliptischen Ebenen werden durch Rand-, Längs- und Querträger aus rechteckigen Stahlhohlprofilen gebildet. Sie bestehen aus zwei halbovalen, biegesteif verschweißten Teilflächen, welche über parallel zur Treppe verlaufende Träger mit biegesteifen Stößen zu einer statisch wirksamen Scheibe verbunden sind. An den jeweiligen Podest-Querträgern werden die zweiläufigen Treppen frei hängend befestigt.
Die zweiläufigen Treppen mit den halbrunden Zwischenpodesten bilden jeweils eine statische Einheit. Hierbei übernehmen die Stahlwangen und eingespannten Querträger an den Treppenpodesten die tragende Funktion. Die Aussteifung erfolgt über Rundrohre unterhalb der Stufen.
Die äußeren Geländer bestehen aus räumlichen Stabwerken mit elliptischen, sich selbst aussteifenden, tragenden Handläufen. Diese werden über filigrane V-Stützen, die den jeweiligen diagonalen Stützen des Tragwerks folgen, gehalten. Das absturzsichernde Edelstahlnetz wird an gesonderten Edelstahlrohren befestigt.
Die Gründung erfolgt über eine lastabtragende Stahlbeton-Bodenplatte.

Die Fertigung

Eine besondere Herausforderung stellte die Biegung der Randträger aus Stahl-Rechteck-Hohlprofilen dar. Zum Biegevorgang wurden die Profile mit Wasser unter 6 bar Druck verfüllt, um einen stabilisierenden Innendruck zu erzeugen, der ungewollten Verformungen entgegenwirkte.
Das räumliche Tragwerk wurde aus einzelnen geraden Stäben, X-förmigen Kreuzungspunkten und Y-förmigen Fußpunkten gefertigt, die mittels Fußplatten mit der tragenden Bodenplatte verschraubt wurden. Die nicht sichtbare Verbindung der Stäbe unterhalb der Kreuzungspunkte erfolgte über in die Rohre eingeschweißte Kopfplatten. Oberhalb der Kreuzungspunkte wurden die Stahlrohre mit flächenbündigen Senkkopfschrauben mit den Innenrohren verschraubt und verklebt.
Alle übrigen Verbindungen sind ebenfalls in der Regel nicht sichtbar bzw. flächenbündig ausgeführt.
Die tragenden Bauteile der Treppen wurden aus gelaserten und gebogenen Stahlblechen, die mit einem Flachstahlhandlauf stabilisiert sind, gefertigt. Über die seitlichen Konsolen der Treppenstufen mit ihren aussteifenden Rundrohren wurden diese nach dem Baukastenprinzip miteinander vor Ort verschraubt.

Der Sockel

Der Turm ruht auf einem elliptischen Sockel mit einer langen Sitzbank, die zum Verweilen einlädt und aus einzelnen Sichtbetonblöcken besteht. Die unterschiedlich belegten Bodenflächen des Sockels folgen der Grundform des Turmes.
Der mitten im Wald stehende Aussichtsturm wird über einen kurzen Stichweg an das vorhandene Wegenetz angebunden.