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Pichler & Traupmann Architekten

Willi Resetarits-Hof

Hertha Hurnaus, Wien
Hertha Hurnaus, Wien
Ort
Wien
Gebäudekategorie
Wohnhochhäuser
Bauvorhaben
Neubau
Jahr der Fertigstellung
2024
ARCHITEKTUR

Städtebau/Bauplatz
Der Bauplatz befindet sich in einem der letzten großflächigen Entwicklungsgebiete im Innerstädtischen Bereich und bietet mit seiner durchaus zentralen Lage eine enorme Qualitätsvielfalt. In nur wenigen Gehminuten sind Hauptbahnhof, Belvedere oder Schweizergarten erreichbar. Das Quartier Neues Landgut liegt im 10. Wiener Gemeindebezirk und hat eine Fläche von ungefähr 9 Hektar. Das gegenständliche Projekt wird am wohl prominentesten Eck des gesamten Areals entwickelt. Die Ecke Landgutasse und Laxenburgerstraße bildet im Zusammenspiel mit der gegenüberliegenden Gösserhalle und Inventarhalle ein Portal zum neuen Quartier, welches in direkter Verlängerung des Columbusplatzes liegt. Westlich angrenzend wird auf einem ein Hektar großen Grundstück der neue Bildungscampus Innerfavoriten errichtet. Das städtebauliche Leitbild wurde in Kooperation zwischen der Stadt Wien und den Liegenschaftsentwicklern ÖBB Immobilien am 26.02.2019 beschlossen.

Architektur
Der Baukörper folgt den Vorgaben der Flächenwidmung. Die vorgegebene Blockstruktur wird aufgebrochen und ermöglicht die Durchwegung des aktivierten Innenhofs. Die beiden Hochpunkte werden mittels einer Mittelgangerschließung ausgeführt, welche sich jedoch in ihrer Formgebung klar von der klassischen Gestaltungsweise solcher Erschießungswege unterscheidet. Die Gänge weiten sich ausgehend von den vertikalen Erschließungskernen auf und bilden durch die großzügige Verglasung am Ende der Gänge eine richtungsbezogene öffnungsgerichtete Struktur.

Von den Erschließungskernen sind auch die beiden Laubengangtrakte erreichbar. Markenzeichen für dieses Objekt sind die umlaufenden Erschließungsgänge im Innenhof des Gebäudes. Diese folgen in ihrer architektonischen Struktur einem klassischen Wiener Pawlatschenhof, sehen sich selbst aber als Neuinterpretation dieses klassischen Bautyps.

Wohnungsstruktur
Die Wohnungen sind nach dem Wohnungsschlüssel für die „Gemeindewohnungen NEU“ in Fläche und Anzahl geplant. Insgesamt befinden sich 165 Wohnungen am Bauplatz. Die Wohnungen an den Laubengängen bieten zusätzlich zum Balkon auch am Laubengang einen kleinen Freiraum. Ausgewählten Wohnungen wird statt dem Balkon an de Straßenseite der gesamte Laubengang zugewiesen. Dies ist möglich, wenn kein Erschließungsweg einer weiteren Wohnung über diesen Laubengang erschlossen ist. Die Wohnungsgrundrisse sind einem etablierten System unterworfen. Vom Gang oder Laubengang gelangt man in einen kleinen Vorraum oder Windfang von welchem in den meisten Fällen der Wohnbereich betreten wird. Bad und Zimmer sind über einen „Intimgang“ erreichbar. Ein weiteres Identitätsbildendes Merkmal sind die verschiedenen privaten Freiraumangebote. So gibt es einerseits die bereits erwähnten Laubengänge und Balkone auf Laubengänge, aber auch Einzelbalkone an den Außenfassaden, durchgehende Balkonplatten an der Südfassade des Hochhauses, aber auch Loggien, welche sich im 1. Obergeschoß des Gebäudes befinden. Die schräg zugeschnittenen Einzelbalkone spielen bewusst mit der Austrittssituation aus den Wohnräumen und weiten sich am anderen Ende auf.

Brandschutz
Das Gebäude gliedert sich in zwei unterschiedlich hohe Baukörper. Bauteil A hat ein Fluchtniveau von maximal 13,55m. Die jeweiligen Gangflächen sind mittels einer Schleuse an das Stiegenhaus angebunden. Eine ungehinderte Anleiterbarkeit der Fassaden ist an allen Betroffenen Stellen gegeben. Bauteil B hat ein Fluchtniveau von maximal 30,90m. Dieser Bauteil verfügt über ein druckbelüftetes Sicherheitsstiegenhaus mit Feuerwehraufzug. Alle betroffenen Fassaden sind von den vorgesehenen Aufstellflächen aus mittels Löschwasserangriff zu bedienen. Der vertikale Brandüberschlag an der Nordseite des BT B wird mittels durchlaufender Brandschutzriegel gewährleistet. An den übrigen Fassaden wird der Brandüberschlag mittels ausreichend ausladender Balkonplatten oder ausreichend hoher Parapete unterbunden.

ÖKOLOGIE UND FREIRAUMGESTALTUNG

Der Hof als „Grünes Herz“ der Wohnanlage reagiert auf die stadtklimatischen Anforderungen an den Freiraum mit dicht bepflanzten Grünflächen und versickerungsfähigen Oberflächen. Als Grundlage für das Gestaltungskonzept wird eine räumliche Gliederung in ruhigere und den von Durchwegung geprägte Bereiche herangezogen. Die Durchwegung orientiert sich an den Ankerpunkten. Nach Westen öffnet sich der Hof zum Areal Neues Landgut, in Richtung Osten ist ein Durchgang zur Laxenburger Straße gegeben, sodass der Hof auch für die Öffentlichkeit zugänglich ist und eine Durchwegung stattfinden kann. Der durch den Geländesprung erhöhte Bereich wird zum grünen Rückzugsort für die Bewohner/Innen und Nutzer/Innen, ein gemeinschaftlicher Ort für Austausch und Begegnung.

Durch eine Aussparung in der Tiefgarage können drei große Baumpflanzungen mit unterschiedlichen Wuchsformen gepflanzt werden, die eine landschaftliche Dimension in den Hof bringen und allen im Quartier einen Grünblick mit kühler, frischer Luft und Vogelgezwitscher bieten. Erdgebundene Vertikalbegrünung und umfangreiche Trogbepflanzungen am Laubengang und bei den Balkonen sorgen für zeitgemäße und ausreichende Klimawandelanpassungen. Zwei unterschiedliche helle Pflasterbeläge gliedern den Hof in Bewegungs- und Aufenthaltszonen.

Die Laubengänge sind durch die erdgebundene Vertikalbegrünung und durch Pflanztröge begrünt, die für Bewohner/Innen ein zusätzlicher wohnungsbezogener Freiraum sind.

Auf den Dachflächen bilden großzügig angelegte Gemeinschaftsterrassen Raum für sozialen Austausch. Die Dachterrassen ergänzen das Angebot für die Bewohner/Innen und sind unterschiedlichen Schwerpunkten gewidmet. Die Dachterrassen im OG 1 bietet in erster Linie Aufenthaltsmöglichkeiten. Die große Dachterrasse im OG 4 ist mit einem Gemeinschaftsraum kombiniert. Sitzmöglichkeiten, Pflanzflächen und ein Kleinkinderspielplatz schaffen Aufenthaltsqualität. Auf der kleinen Terrasse lädt eine Urban Farming Fläche zum Gärtnern ein. Der begrünte Hof nutzt den Erdkern für Baumpflanzungen mit schattenverträglichem Unterwuchs und übernimmt eine natürliche Kühl- und Klimafunktion. Die extensive Dachbegrünung wird mit artenreichen Mischungen begrünt und mit Totholzstrukturen angereichert und schafft so Rückzugsmöglichkeiten für frost- und trockenheitsempfindlichen Bodentierarten.


SOZIALE NACHHALTIGKEIT

Alltagstauglichkeit
Die Haupteingänge der Stiegen sind beide dem begrünten Innenhof zugewandt. Durch die gemeinsame Erschließung über den belebten Innenhof wird die strukturierte Wahrnehmung für die Bewohner gestärkt. Der begrünte und belebte Innenhof wird auch in den Obergeschoßen in Form eines klassischen Pawlatschenhofes weitergeführt. Der hohe kommunikative Aspekt der Pawlatschenhofstruktur wirkt sich auch positiv auf die Nachhaltigkeit der Kommunikation in diesem großen Gebäude aus. Die Kommunikation über Gebäudeteile hinweg wird durch visuell in Verbindung stehende Gemeinschaftsbereiche gestärkt. Fahrradabstellräume und Kinderwagenabstellräume befinden sich ebenfalls in den beiden, getrennt zugänglichen Erdgeschoßzonen. Weitere Fahrrad- und Kinderwagenabstellräume sind in den Obergeschoßen verteilt. Barrierefreiheit in allen Gemeinschaftsbereichen ist eine Selbstverständlichkeit. Das Projekt bietet einen hohen Grad an sozialer Durchmischung durch den Wechsel von unterschiedlichen Wohnungen in sämtlichen Lagen und Größensegmenten. Alle Wohnungen sind alltagstauglich geplant und können mit Normmöbeln ausgestattet werden. Die Stauräume sind an die Nutzerbedürfnisse und die Wohnungsgrößen angepasst.

Wohnen für wechselnde Bedürfnisse
Der kompakte Grundriss und die optimal positionierten großen Nasszellen ermöglichen die Wohnungsnutzung auch bei sich ändernden Lebensbedürfnissen. Veränderungen innerhalb der Wohnung sind mit überschaubarem Aufwand möglich und bieten so Gelegenheit, den unterschiedlichsten Wohnbedürfnissen der BewohnerInnen in nahezu allen Lebensphasen Raum zu geben. Die Räume können zum Arbeiten, Spielen, Lernen, Ruhen, Pflegen, Gäste Beherbergen u.v.m. genützt werden. So können auch ältere bzw. pflegebedürftige Personen in ihrer gewohnten Umgebung bleiben – vielleicht auch mit Nachbarschaftshilfe aus der Stockwerksgemeinschaft.

Wohnen in Gemeinschaft
Die lebendige Nachbarschaft in den Gebäuden wird durch die Gemeinschaftsräume und Allgemeinflächen gefördert. Es ist angedacht in den Geschoßen OG05, OG07 und OG09 zumietbare Büros oder Ateliers anzubieten. Diese sind direkt an die Stiegenhäuser angeschlossen und somit leicht zu erreichen.

Durch die, einem Pawlatschenhof angelehnte Baukörperform bietet sich eine Verteilung der Gemeinschaftsräume auf die verschiedensten Ebenen an. So bietet das Erdgeschoß einen großen Gemeinschaftsraum mit Werkstatt, Waschküche und Jugendspielraum. Dieser befindet sich direkt im Innenhof und ist auch von diesem aus erreichbar. Der Innenhof wiederrum wird von halböffentlichen und privaten Laubengängen und Terrassen umgeben. Diese Laubengänge sind einerseits die Hauptbalkone der Mieter, andererseits die Zugänge zu den Wohnungen. Durch diese Mischung entsteht ein interessantes Geflecht an verschiedenst bespielten Freiräumen. Im 1. Obergeschoss befindet sich ein kleines Sonnendeck, welches ebenfalls der gesamten Bewohnerschaft zugänglich ist. Im 4. Obergeschoß angekommen befindet sich die große Dachterrasse, an welche direkt der zweite Gemeinschaftsraum angeschlossen ist.