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AHM Architekten BDA

NEUE WEST Sanierung und Aufstockung eines Denkmalensembles in Berlin-Tiergarten

Bauherr: ANH Hausbesitz GmbH & Co. KG
Ort: Potsdamerstraße 91, 10785 Berlin
Baubeginn: 04/2014
Fertigstellung: 03/2016
BGF gesamt: ca. 5.400 m²
BRI gesamt: ca.19.000 m³
Fotograf: Robert Herrmann

Historischer Kontext
Das Gebäudeensemble ‚Neue West‘ besteht aus vier Gebäudetypen, die über einen langgestreckten gemeinsamen Innenhof miteinander verbunden sind. Der Zugang in die Liegenschaft erfolgt von der Potsdamerstraße über einen Durchgang im Vorderhaus.
Die Geschichte beginnt mit einem abschlägigen Bauantrag aus dem Jahre 1845, einem dreigeschossigem Wohnhaus im Stile der in dieser Gegend vor dem Potsdamer Tor üblichen Villen, situiert an der ersten ausgebauten Chaussee Preußens, die das Stadtschloss des Königs mit seiner Potsdamer Residenz verband.
Der in die Substanz des heutigen Vorderhauses eingeschlossene Ursprungsbau war ein viergeschossiges Miethaus mit Durchfahrt und kurzem Seitenflügel, erbaut um 1860, der Vorgarten an der  Straße betonte den Charakter einer noblen Wohnanlage.
Mit der gewaltigen industriellen Expansion Berlins entstand eine neue Situation, dem der Anbau eines zwölfachsigen Seitenhaus für die industriellen Zwecke einer lithographischen Firma im Jahr 1870 korrespondiert.
Fast gleichzeitig entsteht noch ganz gemäß dem Charakter eines feinen Wohnquartieres ein villenartiges Gartenhaus an der südlichen Grundstücksgrenze mit einer klassizistischen Loggia und Schmuckbeeten. Aber bereits 1877 werden Sockel- und Erdgeschoss des Vorderhauses zu Ladenlokalen umgebaut, der behäbige Charakter der feinen Wohngegend des alten Westen ging verloren, an seine Stelle trat die Stadt der Industrie und des Handels mit seiner Magistrale, der Potsdamer Straße.
In der Folge ließ der Eigentümer im Jahr 1882 am der rückwärtigen Grenze des Grundstückes eine große Stockwerksfabrik in solider Ziegelrohbauweise errichten, das 1891 einen Aufbau „zur Errichtung eines Ateliers für photolithographische Zwecke“ erhielt. Vorderhaus und erster Seitenflügel wurden dann im Jahre 1922 aufgestockt.

Datierung der Einzelgebäude:
- Vorderhaus, erbaut 1860-1861
- Villa, erbaut 1872
- Atelierhaus, erbaut 1872
- Fabrikgebäude, erbaut 1882-1883
- Remisen, erbaut 1882-1883

Die Mischnutzung mit dicht gedrängten Wohn- und Gewerbebauten ist ein anschauliches Beispiel für die Verstädterung der Schöneberger Vorstadt nach der Eingemeindung 1861 und nach dem anschließenden gründerzeitlichen Aufschwung. Im 19. Jahrhundert gehörte das Stadtquartier an der Potsdamer Straße zwischen Tiergarten- und Bülowstraße zur feinsten Adresse Berlins. Es bürgerte sich später aufgrund seiner Lage an der barocken Achse zu Potsdam als „alter Westen“ ein.

Nutzung
Zielsetzung der denkmalgerechten Sanierung des Ensembles zwischen 2014 und 2016 war es, einen kulturellen Ort zu schaffen, der Gewerbe- und Einzelhandelsflächen in Kombination mit gastronomischen Angeboten, für kreative und künstlerische Nutzungen bietet.

Vorderhaus mit Seitenflügel
Das fünfgeschossige Vorderhaus direkt an der Potsdamer Straße gelegen, bildet mit seiner Durchfahrt das Entrèe in das Ensemble NEUE WEST.
Im Zuge der Sanierung wurde die aufwendig verzierte Stuckfassade mit den Kastendoppelfenstern instandgesetzt und entsprechend der bauzeitlichen Farbgebung in, für die Zeit typischen, Beige- und Brauntönen gehalten. Die Innenräume und Mietflächen sollen künftig sämtlich gewerblich genutzt werden und wurden hochwertig mit Stuckelementen, Flügeltüren und abwechslungsreichen Holzböden ausgestattet.
Für den zeitgemäßen Komfort wurde im Seitenflügel ein Aufzug eingebaut, der auch dem Atelierhaus zur Verfügung steht.
Der vorhandene Dachstuhl musste erneuert werden, wobei der Typus des Mansarddaches erhalten blieb. Durch die Neuerrichtung konnte das Dachgeschoss offene und sehr großzügige Büroflächen erhalten.
Das Erdgeschoss des Hauses mit seiner ca. 150 qm großen Gewerbeeinheit und deren großzügigen raumhohen Fenster zur Potsdamerstraße, steht für den Ausbau als Laden-/Gastronomiefläche zur Verfügung.

Atelierhaus
Das sechsgeschossige Atelierhaus besticht durch offene und helle Flächen mit Südorientierung, die teilweise mit neuen Balkonen ausgestattet wurden. Sämtliche Raumtrennwände aus dem Bestand wurden entfernt und durch einen freistehenden zentralen Kubus, der die Sanitärräume und Teeküchen aufnimmt, ersetzt.
Das Dachgeschoss wurde neu errichtet und steht als zusätzliche Büroeinheit zur Verfügung.  Das Mansarddach mit seinen gefalteten, der Dachgeometrie folgenden, Dachflächenfenstern, formt  einen lichtdurchfluteten Großraum mit einem spektakulären Raumgefühl. In sämtlichen Büroflächen wurde  eine hochwertige Dielung aus geölter Eiche neu verlegt.
Die ehemaligen Kellerräume im Souterrain werden direkt aus dem Innenhof erschlossen und bieten mit Ihren ca. 60 qm großen Einheiten Raum für kleine Handels- und Handwerksbetriebe. Ein geschliffener Zementestrich schafft robuste Oberflächen und steht für den handwerklichen Charakter der Räume.

Villa
Das dreigeschossige villenartige Gartenhaus ist das Schmuckstück des denkmalgeschützten Ensembles. Auf einer Grundfläche von ca. 100 qm bietet das dreigeschossige Bauwerk mit seiner klassischen Loggia,  dreie separate Büroeinheiten die über ein steil sich nach oben wendelndes Treppenhaus mit Oberlicht erreichet werden. Die beiden oberen Einheiten wurden mit weiß lasierten Fischgrätparkett ausgestattet.
Eindrucksvoll ist der Blick in den neuen offenen Dachstuhl und die historische Galerieebene im obersten Geschoss.
Im Erdgeschoss befindet sich eine Gewerbeeinheit mit direktem Zugang vom Hof, die individuell nach Nutzerwunsch zum Ladengeschäft ausgebaut werden kann und deren historischer Fliesenbelag aus der Gründerzeit Großteils erhalten werden konnte.

Fabrikgebäude
Das sechsgeschossige Fabrikgebäude mit seiner charakteristischen Ziegelfassade und den wieder freigelegten historischen Gussstützen bietet Platz für großzügige Arbeitsflächen in der Kreativwirtschaft. Beim Ausbau der Ebenen wurden die teilweise noch vorhandenen alten Bodenbeläge aus Zementestrich ergänzt mit neuem Fischgrätparkett aus grau geölter Eiche. Außergewöhnlich ist die flurlose Etagenerschließung über einen Aufzug, der direkt in die Mietfläche hinein öffnet. Das neu errichtete Dachgeschoss erhielt eine gläsernes Atelierdach und bildet das Highlight des NEUE WEST Ensembles. Die Dachform respektiert die historische Fassadengestaltung und ermöglicht dabei die gewünschte zeitgemäße Ausrichtung  des Gebäudes.
Im Souterrain und Erdgeschoss ist eine gastronomische Nutzung vorgesehen. Die Erschließung erfolgt aus dem Innenhof, sowie intern über eine neue Stahltreppe die die beiden Ebenen miteinander verbindet.

Remisen
Die beiden Remisen, ehemalig Stall- bzw. Wirtschaftsgebäude, wurden bauzeitlich entsprechend dem Fabrikgebäude als Massivbauten mit Ziegelfassade errichtet. Die größere Remise in Verlängerung des Atelierhauses, wird künftig als Gastraum für das Restaurant im Fabrikgebäude genutzt. Sie erhielt dazu eine gläserne Faltfassade die sich großzügige zum Innenhof mit einer Außenbestuhlung öffnen lässt.