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AFF Architekten

Haus Lindetal in Mecklenburg-Vorpommern

Foto: Hans-Christian Schink
Foto: Hans-Christian Schink
Gebäudekategorie
Einfamilienhäuser
Bauvorhaben
Neubau
Jahr der Fertigstellung
2016
Material Fassade
Holz
Architektenpreis
HOLZBAUPLUS Bundeswettbewerb 2016
Bauherr: privat
Entwurf: 2014
Ausführung: 2015-2016
Fertigstellung: Juli 2016
Gebäudedaten:
BGF 172 m2
Als Gegenmodell zum Wohnen in der Agglomeration der Stadt offenbart sich Haus Lindetal als ein Rückzugsort im überschaubaren Kontext der Siedlung auf dem Land. Dem Wunsch vieler Bauherrn nach wohnlicher Behaglichkeit und gärtnerischem Betätigungsdrang nicht mit der Antwortvon Geschosswohnung und Kleingarten zu entsprechen ist kein neues Phänomen; hat doch die Flucht auf das Land in den letzten 60 Jahren viele Facetten von Wohnstrukturen hervorgebracht, von Modellen urbaner Zersiedlung bis zum Versuch der Umnutzung bäuerlicher Anwesen. So ist das heutige Bild der ländlichen Hausformenlandschaft geprägt von traditionellen Bauernhöfen, einfachen und sparsamen Gehöften aus der Neubauernzeit, sowie modernen Einfamilienhäusern mit ihren individualisierten Varianten einer industriellen Hausproduktion. Umgeben von dieser Melange positioniert sich Haus Lindetal mit einem traditionellen Brückenschlag. Das Projekt entwickelt seine Identität aus der Gebäudetypologie des niederdeutschen Hallenhauses, welches seit dem 17. Jahrhundert das ländlich-bäuerliche Norddeutschland prägt. Eingepasst in den alten Baumbestand des ehemaligen Dorfkruggehöftes ist der Entwurf ein Appell an Zurückhaltung, Präzision, Eleganz und Rustikalität.
Zentraler und größter Raum ist die zweigeschossige Wohnhalle. Ihre nahezu sakrale Atmosphäre ergibt sich aus dem Zusammenspiel von Licht, überraschenden Raumdispositionen sowie der Anmut einer zentralen Feuerstelle. Das Gebäude formt sich aus einer Betonbasis heraus, die von der Bodenplatte aufstrebend in Wand- und Treppenelemente übergeht und das Ganze auf selbstverständliche Weise in zwei verschiedene zusammenhängende Bereiche gliedert. Das Tragwerk ist als Holzrahmenwerk aus Kiefer mit einem Schwellenkranz aus Eiche nach strengen handwerklichen Regeln ausgeführt und in sorgfältigem zimmermannsmäßigen Abbund mit eisenfreien Holzverbindungen gefügt. Diese räumlich anspruchsvollen und passgenauen Verbindungsknoten stellen das Herzstück der Konstruktion dar und avancieren durch ihren materialgerechten Kraftanschluss zum konstruktiven Ornament. Die Kritik des Projektes liegt nicht in seiner offensichtlichen Rückbesinnung zum traditionellen Handwerk und der konsequenten Ablehnung einer maschinellen Produktion von Baustoffen und Elementen. Sein besonderer Focus auf dem handwerklichen Fertigungsprozess positioniert sich durch das Infragestellen der komplexen Materiallogistik des heutigen Bauens. Als Gegenthese zielt das Projekt auf die Logistik der Fertigkeiten und bringt vorzugsweise das Know-how auf die Baustelle. In diesem Sinne wurde für die Dauer des Bauprozesses eine provisorische Bauhütte errichtet, die zugleich als Heim und Arbeitsstätte diente. Ein Abbundplatz und Holzlager auf dem Grundstück ergänzten das Ensemble der temporären Produktionsstätte.
Das obsessive Entwerfen und Bauen mit Holz als lokal verfügbarem Baustoff in Zeiten der Diskussion über die Ressourcen der Architektur ermöglicht dennoch einen Bau von hoher Qualität. In radikaler Konsequenz des Verzichtes auf Plattenwerkstoffe der holzverarbeitenden Industrie formt sich Haus Lindetal aus lokalen Baustoffen der Sägewerke der Umgebung. Ungeachtet des Zeitgeistes vom Konstruieren mit industriell gefertigten Strukturen, liegt der Grundgedanke des Projektes in der Wertschätzung und der ehrlichen Haltung der Konstruktion als Ausdruck und Stolz des wandernden Zimmermannshandwerks. Von Außen erscheint Haus Lindetal eher als Scheune denn als Wohnhaus und wirkt in seiner Homogenität wie ein monochromer Graphit. Aus dem Zusammenspiel von Architektur und Handwerk ist mit dem Projekt eine Homage an die Fertigkeit des Zimmermanns entstanden, die eine klare Position im Diskurs über die Bewertung von Nachhaltigkeit und Wissenstransfer bezieht. So entwickelt sich Haus Lindetal kraftvoll aus dem Vorhandenen und fügt sich wie ganz selbstverständlich in die ehemalige Lücke der Dorfmitte.

Holzhaus
Das Tragwerk ist als Holzrahmenwerk aus Douglasie mit einem Schwellenkranz aus Eiche in zimmermannsmäßigen Abbund mit eisenfreien Holzverbindungen ausgeführt. Auf chemischen Holzschutz wird durch die Holzauswahl verzichtet. Alle Hölzer des gesamten Hausbaus (Konstruktions-, Schal- und Dielungshölzer) wurden aus zwei lokalen Sägewerken bezogen und vor Ort abgebunden/weiterverarbeitet. Insgesamt 55 m3 im Winter eingeschlagenes Holz aus Douglasie, Eiche, Lärche, Kiefer und Esche fanden bei diesem Projekt Verwendung. Auf Plattenwerkstoffe der holzverarbeitenden Industrie wurde verzichtet. Wand-, Decken- und Unterschalungen wurden aus besäumten Kiefernbrettern mit Nagelschießer geschossen. Die Außenhülle des Holzrahmens ist mit flexiblem Holzfaserdämmstoff gedämmt. Die Stulpschalung außen und das Bitumendach sind hinterlüftet ausgeführt. Alle Hölzer im Außenbereich, wie die einseitig unbesäumte Lärchenstulpschalung, die Eichenfenster und Eichenlaibungen und das Tor sind mit Leinölfarbe Graphite geschützt.

Bauprozess
Durch die Betonung der handwerklichen Ausführung des Projektes kommt dem Bauprozess, mit der Abfolge seiner Gewerke, gesteigerte Bedeutung zu. Der einjährige Hausbau beginnt im Frühjahr 2015 mit dem Schalen und Gießen der Sichtbetoninnenwand mit Treppenblöcken auf Stahlbetonbodenplatte quasi von innen. Nach sechswöchigem Abbund wird die Holrahmenkonstruktion in einer Woche kranfrei um den Betonkern gerichtet. Nach Fertigstellung der Außenhülle mit Dämmung, Lärchenaußenschalung, Dachdeckung und den Fenstern im Sommer folgt im Herbst der Innenausbau. Neben der Eschensichtschalung betonter Flächen des Innenraums sind die Wand- und Deckenflächen mit dreilagigem Kalkputz auf Holzunterschalung verputzt. Die Böden im Erdgeschoß sind als Sichtestrich ausgeführt. Die mit den Putz- und Estricharbeiten verbundenen Trocknungsperioden verschoben die abschließenden Arbeiten des Innenausbaus in das folgende Frühjahr. Mit dem Bau der Terrasse und dem Einbau des Tores wurde die temporäre Bauhütte vor Ort aufgelöst und die Vorbereitungen auf den sommerlichen Einzug der Bauherrschaft begannen.