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ARCHITECTS COLLECTIVE

Weingut Erich Sattler

Ort
Tadten
Gebäudekategorie
Produktion, Lager
Bauvorhaben
Neubau
Jahr der Fertigstellung
2010
Architektenpreis
Ernst A. Plischka Preis (Nominierung)
Das Weinloft nach der Sonnenuhr

Weingut Erich Sattler liegt im Dorfkern von Tadten, einem für das  Burgenland typischen Angerdorf mit 1500 Einwohnern. Auf dem 12 x 120 m großen Grundstück befinden sich zwei Bestandsgebäude und ein Neubau. Zum Dorfanger hin liegt ein bestehender L-förmiger Wohnbau mit Innenhof der den öffentlichen Zugang zum Weingut ermöglicht. Am anderen Ende des Grundstücks liegt in Richtung Weingärten eine bestehende Produktions- und Lagerhalle mit An- und Zufahrt. In der Mitte des Grundstücks liegt ein von zwei Feuermauern begrenztes neues Gebäude auf zwei Ebenen. Das Weingut besteht aus einer „Weinhalle“, die als Lager und Verarbeitungshalle dient, und dem darüber liegenden „Weinloft“, das Präsentationsräume, Gästezimmer und Büro beinhaltet. Der Innenbereich des Obergeschoßes ist einer Ost- bzw. Westterrassen zugeordnet die durch zwei großzügige Glassfassaden einen fließenden Übergang zwischen Innen und Außen ermöglicht. Die darüber liegende Dachfläche ist begehbar und hat einen 360° Ausblick auf die umliegenden Weingärten, den Neusiedlersee und die Voralpen.

Der Erdgeschoss Grundriss des  Neubaus besteht aus einem Rechteck und das Obergeschosses aus einem Parallelogramm dessen Innenräume zu den Himmelsrichtungen orientiert sind. Diese beiden Grundformen werden durch eine Reihe von Raumdiagonalen verbunden und in eine fliesende Gesamtform überführt. So entsteht eine Reihe von Räumen, Ausblicken und Topographien die sich auf den Sonnenstand, Innenhof und das weiter Umfeld beziehen. Die Restmengen des Parallelogramms ergeben eine Ost- und Westterrasse die für Veranstaltungen und Weinpräsentationen genutzt werden. Der Innenraum selbst kann durch eine großflächige Schiebwand und vier große Türen als Großraum oder geteilt genutzt werden. In der Mitte dieses Bereichs liegt ein freistehender, fünf-eckiger, holzverkleideter Baukörper der Nassräume und Küche zusammenfasst. Die umliegenden Räume können durch diese Anordnung kreisförmige oder diagonale Erschließung werden. Die Gebäudekonstruktion besteht aus Beton- und Mauerwerk und dazwischen liegenden Holzdecken und Wänden. Alle Terrassen sind mit Holzdielen verlegt und das Gebäude ist außen in dunklem steingrau und innen weiß verputzt. Die Orientierung der Glasfassaden, Querlüftung für alle Räume, die integrierten ausladenden Vordächer und die gute Isolierung ermöglichen ein ganzjährlich angenehmes Raumklima.


Technischer Bericht

Das Projekt thematisiert das zeitgenössische Bauen im Bestand und die sensible Organisation der divergierenden Klimaansprüche in einem Weingutgebäude.

Obwohl das Burgenland das kontinentalste Klima Österreichs mit Außentemperaturen von -20°C bis +40°C jedes Jahr aufweist, versucht das Weingut mit möglichst geringem technischem Aufwand auszukommen. Für den Wein bedeutet dies insbesondere eine möglichst gleichbleibende und langsam veränderliche Innenraumtemperatur der Weinhalle in einem Bereich von +15°C bis +20°C. Die klimatische Funktionsweise des alten Weinkellers bestand einerseits im geschlossenen Raum mit Verbindung zum Erdreich und andererseits im beeinflussbaren Luftaustausch durch kleine Luftöffnungen in den Außenwänden und dem Tor. Diese traditionelle Methodik haben die Architekten beim Um- und Neubau beibehalten weil der Bauherr als Winzer naturgemäß gute Kenntnisse im Umgang mit den Klima- und Temperatureinflüssen besitzt und seine Gebäude ohnehin als Arbeitsmittel begreift.

Die Weinhalle besteht aus 3 Bereichen, die je nach Bedarf voneinander abgetrennt werden können:
 
•    Multifunktioneller Verarbeitungsbereich
•    Flaschenlager
•    Wein- und Fasslager

Im Wesentlichen werden im Verarbeitungsbereich im Herbst die Trauben gepresst, im Winter die Flaschen abgefüllt und für den Versand in Kartons und Paletten vorbereitet. Die Tätigkeiten erfordern nicht nur großen Platzbedarf und funktionelle Abläufe, sondern einen hohen hygienischem Standard, der durch gut abwaschbare und säurebeständige Oberflächen gewährleistet wird. Im  Frühjahr geht es neben dem Verkauf im Wesentlichen um den Weingarten.

Die praktischen und hygienischen Anforderungen an die Halle und die Berücksichtigung der historischen Bauweise haben zu folgender Lösung geführt: Die Massivbauaußenwände und die Zwischendecke zwischen Halle und Weinloft sind innenseitig mit 120mm starken System-Dämmpaneelen aus pulverbeschichteten Stahlblech verkleidet. Entlang ihrer Nut- und Federverbindung sind sie über ihre gesamte Länge von 12m abgedichtet, um der Spritzwasser-, Feuchtigkeits- und Dampfdiffusionsbelastung standzuhalten. Der ungedämmte Bodenaufbau mit Betonoberfläche übergibt den ausgleichenden Temperatureinfluss des Erdreichs (und des Grundwassers) an die Innenluft. Für die optimale Weinlagerung wird auf eine sich nur langsam veränderliche Innentemperatur geachtet, indem die Weinhalle konsequent  geschlossen gehalten wird. Bei Bedarf ermöglichen eine große selbst schließende Tür im Süden und ein schnell laufendes Sektionaltor das kurzfristige Öffnen und Schließen. Nur bei geeigneten Außentemperaturen kann durch die Querlüftung zwischen den geöffneten Toren und den Dachflächenfenster die Temperatur einige Stunden ausgeglichen und die Feuchtigkeit verringert werden.

Oberhalb der Weinhalle schließt das Weinloft mit großem Präsentationsraum, offener Küche, einem Zimmer für Gäste, einem Büro und zwei großzügigen Terrassen an. Das Weinloft ist von der Weinhalle durch einen 1 m hohen, belüfteten und wärmegedämmten Hohlraum abgesetzt, um potentiellen Kondensatausfall aufgrund der unterschiedlichen Innentemperaturen zu verhindern. Ein Treppenhaus verbindet beide Gebäudebereiche und fungiert bei Bedarf als Abluftkanal. Zusätzliche technische Hilfsmittel wie z.B. eine kontrollierte Lüftung oder mechanische Heizung sind dem Weingut erspart geblieben, das im Jahr ca. 100.000 Flaschen produziert.

Die gestalterische Idee für das Weinlofts entstammt dem bewussten Drehen und Verformen der Gebäudeteile nach dem Sonnenlauf entstanden. Das räumliche Ergebnis führt den Räumen den solaren Eintrag im Winter zu und schattet ihn im Sommer davor ab. Durch die optimierte Orientierung zur Sonne konnte ein Niedrigstenergiegebäude mit einer Energiekennzahl von 25 kWh/m²a verwirklicht werden. Das Obergeschoss besteht aus einer hochwärmegedämmten Holzkonstruktion mit Dachflächen mit einer mineralischen Wärmedämmung von 40 cm und 0,15 W/m²K und Außenwände mit einem Wert 0,2 W/m²K. Die großzügigen Glasflächen ermöglichen den fließenden räumlichen Übergang zwischen Innenraum und Terrassen und haben einen Uf-Werte von 0,9 W/m²K und einem Gesamtwert 1,2 W/m²K. Das Weinloft ist mit einer Fußbodenheizung ausgestattet, die durch eine kleine Luft-Luftwärmepumpe mit 2,5 kW versorgt wird und erst bei Außentemperaturen von unter -10°C zum Einsatz kommt. Die teilweise hochgeklappte Dachform ermöglicht das Querlüften aller Innenräume und einen durchgehend lichtdurchfluteten Innenraum.

Wien, 1. Juli 2010