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feld72 Architekten

Die neue Post am Rochus

zeitlose Architektur im Dialog mit der Stadt
Foto: Lukas Schaller
Foto: Lukas Schaller
Ort
Wien
Gebäudekategorie
Büros, Banken
Bauvorhaben
Neubau
Jahr der Fertigstellung
2017
Material Fassade
Werkstein
Architektenpreis
Österreichischer Staatspreis für Architektur
Schenker Salvi Weber gestaltet mit feld72 die neue Unternehmenszentrale der Post AG am Wiener Rochusmarkt. Mit dem Gebäudeensemble entsteht eine hochwertige Komposition, die nicht nur Alt und Neu gekonnt verbindet, sondern darüber hinaus zeitgemäße Innenarchitektur schafft, die sich durch offene Kommunikationsräume in den Büros und die Gestaltung der Mall auszeichnet. Durch die Verknüpfung mit dem städtischen Umfeld tritt das Gebäude zudem in Austausch mit seiner Umgebung. Schon im Jahr 2013 begab sich die Österreichische Post AG EU-weit in einem offenen, zweistufigen und anonymen Generalplaner-Wettbewerb auf die Suche nach Konzepten für die neue Unternehmenszentrale am Rochusmarkt. In der Ausschreibung inbegriffen waren die Sanierung bestehender Gebäudeteile sowie der Neubau von Büro- und Geschäftsräumen mit dem Ziel, Arbeitsplätze für rund 1000 Mitarbeiter_innen zu schaffen sowie eine Postfiliale und weitere Dienstleistungs- und Handelsflächen unterzubringen. Die Angebote des benachbarten Rochusmarktes sollen damit ergänzt und der Standort insgesamt nachhaltig weiterentwickelt und gestärkt werden. Mehr als 100 Interessent_innen forderten die Auslobungsunterlagen an. 23 Projekte wurden in der ersten Stufe eingereicht, aus denen anschließend acht Projekte für eine weitere Ausarbeitung gewählt wurden. Daraus ging der gemeinsame Entwurf von Schenker Salvi Weber mit feld72 als Gewinner hervor.

Hochwertiger Stadtbaustein
Für die Architekt_innen stand die kontextuelle Entwicklung des Entwurfes im Fokus, um elegante, zeitlose und hochwertige Architektur zu schaffen. Diese überzeugt mit einer ruhigen und klaren Gesamthaltung, die ausgehend von der gerasterten Fassade nach innen getragen wird. Der Baukörper nimmt den polygonalen Grundstückszuschnitt auf und mit seiner städtebaulichen Stellung sowie plastischen Ausformulierung seine Aufgabe als wichtige Institution im öffentlichen Stadtraum wahr. Das Gebäude fügt sich stimmig und proportional als Stadtbaustein in seine Umgebung ein und wird dabei mit dem urbanen Umfeld verknüpft: Die Platzebene des Rochusmarktes setzt sich als Shoppingmall im Gebäude fort und bindet als öffentlicher Durchgang den Grete-Jost-Park an. Die Eingänge zur künftigen Postfiliale sowie zur Mall schaffen gemeinsam mit der Fassade einen Dialog mit der Stadt. Das Gebäude schließt die vormaligen städtebaulichen Lücken des Grundstücks und wird damit zum selbstverständlichen Teil des städtischen Gewebes. Das denkmalgeschützte Bestandsgebäude wurde in den Neubau integriert. Durch die haptische Materialität wie auch durch das ruhige nuancierte Spiel der Fassade erzeugt das neue Gebäudeensemble für das Leben am Rochusmarkt eine unaufgeregte und dennoch starke Präsenz im Hintergrund.

Soziale und ökologische Qualitäten
Die räumliche Struktur des Gebäudes ist hinsichtlich des langfristigen Einsatzes mehrfach lesund nutzbar. Ausgehend vom denkmalgeschützten Bestandsgebäude wurden die neuen Räume so entwickelt, dass sie zukünftige alternative Verwendungszwecke sowie vielfältige Anpassungsmöglichkeiten in der Haustechnik erlauben. Trotz der flexiblen Organisation im Inneren strahlt der Baukörper mit seiner identitätsstiftenden Fassade Kontinuität und Zeitlosigkeit, und damit Nachhaltigkeit, aus. Der Verlauf der Betonfertigteile vom rechtwinkeligen zum konischen Zuschnitt bildet mit einfachen Mitteln eine – durch die Luftperforationen verstärkt – bewegt wirkende Fassadenstruktur aus Repetition und Differenz und bietet in den Büroräumen jeweils einzigartige Ausblicke. Somit werden Funktion und Gestaltung durch die parametrischen Elemente vereint.
Neben der sozialen Nachhaltigkeit, die durch die langfristige, flexible Nutzung gegeben ist, weist das Gebäude durch die lebenszyklusorientierte Planung ebenso eine hohe ökologische Gebäudequalität auf, welche die Kriterien nach DGNB/ÖGNI erfüllt. Es ist mit einer Auszeichnung in Gold zu rechnen, was die neue Post-Zentrale zu einem Vorzeigeprojekt in ganz Österreich macht.

Gestaltung der Mall

Die Mall wurde als dreigeschossiger, zentral belichteter und großzügiger Galerieraum konzipiert, der sich vom Eingang am Rochusmarkt bis hin zur Rückseite des Gebäudes am Grete-Jost-Park zieht. Die Geschäftsflächen der Mall liegen auf rund 5.000 m² im neu erbauten Teil des Gebäudekomplexes, dessen Schnittstelle zum Altbau in der Rasumofskygasse eine mehrgeschossige, lichtdurchflutete Fuge bildet. Die einheitlich gestalteten Auslagen werden über zwei große, ovale Oberlichter natürlich beleuchtet. Die dynamische Ausformulierung der Galerien schafft einen identitätsstiftenden Raum und setzt die Mall von den Untergeschossen bis hin zu den Höfen im 2.Obergeschoss in eine räumliche Beziehung. Die Raumstimmung wird von einer gediegenen Atmosphäre geprägt. Die eleganten Glasportalfronten werden durch einen hellen Terrazzobelag und eine weiße und geschwungene Lichtdecke ergänzt. Die Brüstungen der ovalen Galerien und Oberlichter werden mit streifenförmigem Kunstlicht und einem dunklen Holzhandlauf akzentuiert. Insgesamt entsteht so eine stimmiges Raumerlebnis.

Viel Raum für Kommunikation
Ein Teil des bestehenden Gebäudes (Rasumofskygasse 29) ist einerseits aufgrund der Art- Deco-Fassade aus den 1920er Jahren, andererseits aufgrund besonderer technischer Einbauten denkmalgeschützt. Dieser Teil wurde saniert und zu einer Bürolandschaft umgebaut, die auf aktivitätsbasiertes Arbeiten sowie eine flexible Belegung der Räume zugeschneidert ist. An der Schnittstelle zwischen Alt und Neu schaffen die Architekt_innen eine Fuge in Form eines mehrgeschossigen, lichtdurchfluteten Atriums zur Begegnung und Kommunikation. Gleichzeitig fungiert der Raum zwischen Alt- und Neubau als Verteiler im Gebäude. Gemeinsam mit dem Hauptzugang zum Büro der Post wurde diese innere Erschließung der Büroflächen besonders positiv von der Jury beurteilt. Der Neubau und der denkmalpflegerisch erhaltenswerte Bau bilden damit ein kompaktes, selbstbewusstes Ensemble.

Innen und außen aus einem Guss
Als Zeichen des großen Vertrauens in die Kompetenzen der Architekt_innen legte die Post AG auch die Gestaltung der Büroräume in deren Hände. Die Anforderung an die Planung der neuen Unternehmenszentrale lautete, nicht nur Arbeits-, sondern Lebensräume mit viel Platz für Kommunikation zu schaffen. In der Gestaltung wird daher auf ein offenes, zeitgemäßes Bürokonzept gesetzt, das den kommunikativen Austausch zwischen den Mitarbeiter_innen ermöglicht und ebenso Platz für individuelles Arbeiten bietet.

Neue Arbeitswelten
Die Post führt eine Desk-Sharing-Strategie ein, bei welcher die Mitarbeiter_innen ihr Arbeitsumfeld selbst bestimmen. Die Mitarbeiter_innen haben keinen fixen Arbeitsplatz, sondern suchen sich täglich ein ihren jeweiligen Tagesaufgaben entsprechendes Umfeld bzw. ihre Teamumgebung. Dies setzt eine „Clean-Desk-Policy“ und ein Angebot verschiedenster Räume voraus, in denen auf die unterschiedlichen Bedürfnisse von Einzelarbeit bis zu dynamischem Gruppenarbeiten eingegangen werden kann. In der Folge wurden unterschiedlichste Zonen entwickelt, die das Spektrum von offenen Kommunikations- bis hin zu Rückzugsbereichen abdecken und durch ihre Flexibilität eine große Bandbreite an unterschiedlichen Raumsituationen ermöglichen. Dabei wurde auf den Einklang der Gestaltung mit dem architektonischen Gesamtkonzept großer Wert gelegt: Die Gestaltung der Innenräume schafft klar unterschiedliche Bereiche mit eigener atmosphärischer Qualität, die aber Teil des architektonischen Gesamtkonzeptes der Architektur als würdevoller und nachhaltiger „Rahmen“ für die Handlungen des Alltags wird. Die Innenraumgestaltung wird so nicht als eingesetzter Fremdkörper, sondern als integraler und kohärenter Bestandteil des Gebäudes wahrgenommen.